Archiv für November 2008

Vogtland: Kontroversen wo man hinschaut

Im Vogtland geht es wieder rund. Der NPD-Kreisverband löst sich de facto auf und die Demokraten zweifeln den friedlichen Protest am 08.11.08 in Reichenbach an.

Als ich dieser Tage auf die Internetpräsenz des NPD Kreisverbandes Vogtland schauen wollte, um mal wieder Infos aus dem „Nationalen Lager“ zu erhaschen, ich habe sonst nichts zu lachen, war ich ehrlich gesagt etwas überrascht. Die Seite ist in den unendlichen Weiten des Internets verschwunden.
Nur eine Art „Abschiedsbrief“ hat die NPD hinterlassen unterschrieben von Nicole Fortak. Erst dachte ich, dass der Kreisverband gemeinsamen Suizid begangen hat und sich von der Göltzschtalbrücke stürzte. Doch bei genauerem lesen dieses überaus informativen Cyberbriefes unter der Überschrift „Die Wege werden sich trennen“ musste ich feststellen, dass Alle noch leben, aber 13 Mitglieder des Kreisverbandes ihr nationalistisches Abo, sprich die Partei verlassen haben. Unter den Abtrünnigen befinden sich auch die Ex-Kreisvorsitzende Nicole Fortak sowie Nazimüll Verkäufer Olaf Martin, beides Kreisräte im Vogtlandkreis. Auch soll die Austrittswelle mittlerweile den „Partnerverband“ in Greiz erreicht haben.

Als Gründe für die de facto Auflösung werden im Brief besonders die jämmerlichen Zustände in der Partei genannt, sowie das Verhalten von Jürgen W. Gansel (seines Zeichens NPD Landtagsabgeordneter in Dresden) vor, während und nach der Demo in Reichenbach am 08.11.08.
Dieser trat hier als Redner auf und war wiederum mit den Zuständen in der vogtländischen NPD nicht einverstanden. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
Apropos Schlagen, so kam es ja auch zwischen Peter Naumann (NPD Fraktionsangestellter) und dem lieben Jürgen im fernen Dresden zum Schlagabtausch. Ein Grund war auch hier die versaute Demo plus super Redebeiträge in Reichenbach.
Das „Beste“ kommt noch, die liebe Nicole und der nette Olaf werden uns als Kreistagsabgeordnete erhalten bleiben um weiterhin die „Stimme des Volkes“ im Kreistag zu vertreten.

Wer hätte gedacht, dass der Widerstand von ca. 100 Antifaschisten reicht um den NPD Vogtland Kreisverband „abzuwickeln“.
Der Kampf geht weiter, die Nazis sind immer noch da, nur ohne Partei.

Dringlicherweise müssen wir noch mal ins Lager der Guten, also Reichenbachs Demokraten schalten. Hier ist mittlerweile ein offener Streit zwischen der Linkspartei und den restlichen im Stadtrat vertretenen Parteien über das Verhalten des „offiziellen Reichenbachs“ zum 08.11.08 entbrannt.

Die Antifaschisten sind Schuld, dass die Rechtextremen nicht in Ruhe marschieren konnten.

Auch wenn wir keine Parteipolitik betreiben möchten, bleibt uns leider unter diesen Umständen nichts anderes übrig als hier die Parteien beim Name zu nennen.

Die Stadträte von CDU, SPD, Bürgerinitiative Altstadt sowie der FDP, die geschlossen eine Erklärung unterschrieben haben (Quelle: Freie Presse), in der es unter anderem heißt:

Dass es an diesem 08.11.08 den Extremisten der verschiedensten politischen Ausrichtungen nicht gelungen ist, die Tagesordnung zu bestimmen und Krawalle zu erzeugen.

Und: Wer eine Gegenveranstaltung in unmittelbarer Nähe der NPD abhalte, dem müsse man „das Ziel der gewollten Konfrontation“ und das „Inkaufnehmen gewalttätiger Auseinandersetzungen unterstellen.“

Soweit die Meinung der Stadträte.

Es ist traurig, dass Antifaschisten auf eine Stufe mit Rechtsextremisten gestellt werden.

Kein normales Wochenende im Vogtland

Fangen wir gleich mal mit dem Schluss an, ohne großartig drum herum zu reden. Das Wochenende in Reichenbach im Vogtland war für die Antifaschisten ein Erfolg. Natürlich nehmen dies auch die Nazis für sich in Anspruch, wie man auf der Internetpräsenz der Rechten Aktions-Front nachlesen kann.

Kommen wir nun zu ein paar Einzelheiten.

Kundgebung, Gemeinsam gegen Rechts – für ein buntes Vogtland

Ab ca. 14.00 Uhr versammelten sich auf dem Platz vor dem Neuberinhaus etwas mehr als 100 Antifaschisten. Nach Redebeiträgen von Vertretern der IG Metall, dem VVN – BdA sowie dem Jugendparlament Plauen wurde die Kundgebung aufgelöst. Der aktivere Teil der Antifaschisten löste sich von den vornehmlich Älteren, um eine Sitzblockade auf der Bahnhofstraße, auf der die Rechtsextremisten zum Kundgebungsplatz marschieren wollten, zu bilden. Mit dem Appell „Rechtsextreme Polemik entzaubern“ setzten sich ca. 70 meist jüngere Antifaschisten auf die Bahnhofstraße. Die Polizei rechnete nicht mit einer Sitzblockade und wirkte leicht überfordert, so dass geraume Zeit nichts passierte.

1:0 für die Antifaschisten, denn so konnte der Aufzug der Rechtsextremisten für längere Zeit verzögert werden und den leider nur schaulustigen Bürgern wurde bewusst, dass die Forderung „Kein Fußbreit den Faschisten, Rechtsextremen Strukturen im Vogtland entgegentreten“ unter dem die vogtländischen Antifa – Gruppen mobilisiert haben, nicht nur Schall und Rauch war. Nach Verhandlungen zwischen Antifaschisten und Polizei wurde die Sitzblockade friedlich aufgelöst. Hätten sich mehr Bürger dazu entschlossen den Protest zu unterstützen, wären die Nazis nicht auf den Markt gelangt. Das zeigt auch, dass viele Bürger Angst haben, Angst vor Nazis die ihre Stadt terrorisieren. Da es nicht genügend Polizeikräfte gab, gelang es nicht die Demo und die Kundgebung der Nazis weiträumig abzusperren und anwesende Antifaschisten konnten ihren Protest, nur durch Einsatzfahrzeuge von den Extremisten getrennt, weiterhin kundtun. Das wichtigste Ziel, die Nazikundgebung zu verhindern wurde nicht erreicht, dafür wurde sie friedlich behindert – ein vielleicht genauso wichtiger Erfolg.

„Schluss mit der Steuergeldverschwendung – Stoppt Antirechtsprogramme“ – der braune Mob marschiert.

Etwa 100 Nazis, viele von ihnen im so genannten „Autonomenlook“, marschierten mit der Forderung „Nationaler Sozialismus jetzt“ durch Reichenbachs Innenstadt, immer wieder kam es zu vereinzelten Versuchen von Nazis, die am Rand stehenden Antifaschisten anzugreifen.
Auch während der Kundgebung auf dem Markt versuchten Rechtsextremisten immer wieder den bis hierher getragenen Protest der Antifaschisten anzugreifen.

Gerade die Aggressivität der meist jungen Extremisten, angestachelt von den Hetzreden der braunen Brandstifter, zeigt wie wichtig Anti-Rechts-Programme sind, nicht nur im Vogtland.
Genauso wichtig ist, dass Politiker endlich erkennen, dass Links und Rechts nicht gleichgesetzt werden dürfen auch nicht über den Extremismusbegriff. Gerade diese Gleichsetzung bewirkt eine Verharmlosung rechter Straftaten.

Der Samstag ist noch nicht zu Ende, das Wochenende auch nicht.

Auf ihrem Mobilisierungs-Flyer machten NPD und Freie Kräfte Werbung für den „Liedermacher“ „Torstein“ der am Samstagabend im „Drei Mädel Haus“ an der B92 zwischen Elsterberg und Plauen auftreten sollte.
Diese recht ominöse Veranstaltung wurde im Laufe des Abends von starken Kräften der Thüringer Bereitschaftspolizei besucht, außer zwei traurigen Nazis gab es nichts weiter zu sehen.

Der 09.11. 08 in Reichenbach – Brennende Kerzen gegen Brandreden

Am Sonntag gedachten etwa 200 Reichenbacher der verschleppten und ermordeten jüdischen Mitbürger in Reichenbach und ganz Deutschland. Fast still mit brennenden Kerzen zogen die Menschen vom Kirchplatz zum Rathaus auf dem Markt. Hier hielt der Oberbürgermeister seine eindringliche Rede, in der er auch an die Ausschreitungen in Reichenbach erinnerte.

Erschreckend war, dass es während der Rede immer wieder zu Buh-Rufen aus dem Hintergrund und zu versuchten Provokationen durch mit dem Auto vorbeifahrende Nazis kam.

Dieses Wochenende im Vogtland sollte uns alle mahnen, dass wir den Kampf gegen die Rechtsextremisten nicht nur mit reden gewinnen können, sondern uns auch auf der Straße dem braunen Mob entgegenstellen müssen.

Vom 9. auf den 10. November 1938 im Vogtland!

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ereignete sich in Deutschland etwas Unvorstellbares.

Auf Anweisung des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels inszenierte die SA und weitere NSDAP – Trupps ein Pogrom gegen Juden.

Die Pogrome waren der schleichende Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung bis hin zum Völkermord durch die Nationalsozialisten.

Fast alle Synagogen wurden zerstört, 7500 Geschäfte wurden demoliert und rund 30.000 Menschen wurden in Konzentrationslagern inhaftiert. Alle zusammen mussten eine Sondersteuer zahlen die sich auf 1 Milliarde Reichsmark belief.
Ein Schicksalstag der deutschen Geschichte, die Pogromnacht. Beschönigend bezeichnet, aber vermutlich im Hinblick auf die vielen zertrümmerten Fenster auch Kristallnacht genannt.

An diesem Tag wurden auch in unserer Region viele Opfer dieser unvorstellbaren Tat.

Der Thüringer Hof, eine Gaststätte in Netzschkau, gehörte seit 1921 dem Juden Ignaz Gutfreund, der schon seit 1893 in Deutschland lebte. Seit 1933 hatte auch er wie viele andere unter ständigen Repressalien zu leiden. Er durfte zum Beispiel keine Veranstaltungen in seinem Saal durchführen. Und selbst die Nutzung des Saales durch Vereine wurde verboten.

In der Pogromnacht wurden sämtliche Fenster des Gebäudes eingeschlagen, Bierfässer im Keller wurden geleert und umgeworfen. Die gesamte Einrichtung wurde zerstört.

Durch fehlende Einnahmen wurde das Haus 1939 zwangsversteigert und Herr Gutfreund musste samt seiner Familie das Anwesen verlassen.

1942 kam die Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt und entgingen nur knapp dem Todeslager Auschwitz.

Ab 1945 versuchte er nach seiner Rückkehr nach Netzschkau, wieder seinen Gasthof zu betreiben. Jedoch der neue Eigentümer bestand auf sein Recht.

Ignaz Gutfreund erhielt bis zu seinem Tod 1948 sein Eigentum nicht zurück.

Auch Plauen kann eine Geschichte über diese schreckliche Nacht erzählen.
Die Gemeinde lies 1928-1930 für Ihre große jüdische Gemeinde eine Synagoge errichten.

Dieses bedeutende Bauwerk wurde von dem Architekten Fritz Landauer errichtet. Er galt vor dem zweiten Weltkrieg als Spezialist auf dem Gebiet des Synagogenbaus.

Die Synagoge in Plauen zählt zu den Hauptwerken des Sakralbaus in der Weimarer Republik.

Wie viele andere wurde auch diese Opfer der Flammen. Selbst ein herbei eilender Feuerwehrmann konnte nur einen Gebetsschal in einer Vitrine retten.

Den zur Hilfe kommenden Feuerwehrmännern wurde das löschen des Brandes verboten. Sie durften lediglich die anliegenden Wohnhäuser vor dem Feuer schützen.

Die jüdische Gemeinde musste die Ruine vollständig abtragen. Heute erinnert eine Gedenktafel an die Synagoge.

Von der ehemals großen jüdischen Gemeinde sollen 9 Mitglieder dem Tod durch die Nazis entgangen sein.