Archiv für Juli 2009

Vogtland: Kein Naziproblem?

Lange Zeit nichts passiert im Vogtland, so könnte man denken. Doch die Rechte Szene ist hier weiterhin aktiv. So gab es zwischen Mai und Mitte Juli einige erwähnenswerte Vorfälle im thüringischen Teil des Vogtlandes.
Nach einer Antifaschistischen Kundgebung in Netzschkau (Sachsen) am 16.05.09 gegen die Eröffnung des Naziladens Nordlicht, kam es im nur wenige Kilometer entfernten Greiz (Thüringen) an jenem Abend zu Angriffen auf nicht rechte Menschen. Wie sich später heraus stellte, nutzten Nazis eine Geburtstagsfeier in Greiz um zum Teil vermummt durch die Innenstadt zu ziehen, nach politischen Gegnern, Punks und all jenen die nicht in ihr Weltbild passen zu suchen. Es kam zu Pöbeleien, ein Mensch wurde verprügelt. An diesem Abend wurden die Personalien von 39 aus der Rechten Szene stammenden Personen aufgenommen. Zufall oder nicht, die Eröffnung des Szeneladens und die Geburtstagfeier fanden am selben Tag statt. Beide, „Jungkapitalist“ und „Geburtstagskind“ sind Mitglieder im NPD Kreisverband Greiz. Der OTZ, einer lokalen Tageszeitung, waren die Vorgänge an jenem Samstag auch eine Meldung wert. Der rechte Hintergrund konnte nicht verschwiegen werden, da es an diesem Abend zu gehäuften Anrufen besorgter Bürger bei der Polizei kam.

Am 22.05.09 wurden in Berga, einer kleinen Stadt bei Greiz mehrere linke Jugendliche auf dem Heimweg von Nazis angegriffen. Da es schon dunkel war und die Angreifer vermummt waren, konnten die Angegriffenen keine Personen eindeutig identifizieren. Es sollte nicht der letzte Vorfall in Berga bleiben. Auch von dem Vorfall am 22.05 konnte man in der OTZ lesen. Der politische, rechtsextreme Hintergrund wurde allerdings verschwiegen.
Bereits vor einem Jahr attackierten Nazis einen Punk vor einer Diskothek in Berga, auch hier wurde der politische Hintergrund ausgeblendet.

Nur wenige Tage später, am 24.05.09 schlugen Rechtsextreme einen jungen Mann an einer Tankstelle in Greiz zusammen, einfach mal so. Ein eindeutiger politischer Hintergrund war in diesem Fall nicht erkennbar, aber das hohe Gewaltpotential jener Freien Kräfte um den NPD Kreisverband Greiz schon.
Das folgende Wochenende hielt wiederum ein gesteigertes Maß an Rechten Aktivitäten parat. Für den 29.05 stand die Wiedereröffnung einer Kneipe in Greiz an, dem Roadhouse. Hier fand jene oben schon erwähnte Geburtstagsfeier am Wochenende zuvor statt. An diesem Abend sorgte ein auffällig großes Polizeiaufgebot in der „Perle des Vogtlandes“ für ein sicheres Gefühl.
Für Berga kündigten sich gerüchteweise die Nazis an. Dass dies nicht nur ein Gerücht blieb, zeigte sich am Pfingstsonntag. Mit einem Großaufgebot aus Bereitschaftspolizei wurde in Berga verhindert, dass es zu Auseinandersetzungen zwischen Rechtsextremisten und Alternativen kommt. Größere Nazigruppen provozierten an diesem Abend immer wieder. So versuchten sie den jährlich stattfindenden Sportlerball in Berga zu stören, trotz Polizeigroßaufgebot gelang es den Nazis immer wieder einzelne vermeintlich Linke und Punks in Berga verbal zu attackieren. Die Öffentlichkeit wurde nicht über diese Vorgänge aufgeklärt. Scheinbar nicht interessant genug, an diesem Abend wurden die Personalien von 94 der Rechten Szene zugehörigen Personen aufgenommen.

Anfang Juni fanden wie überall in Thüringen auch in Greiz die Kommunalwahlen statt. Wie nicht anders zu erwarten zog die NPD in den Stadtrat von Greiz und in den dazugehörigen Kreistag ein. Es bleibt abzuwarten wie die demokratischen Parteien mit den Nazis in ihrer Mitte umgehen.
Wie die Nazis mit unliebsamen Bürgern umgehen wissen wir ja schon.
So versuchten zwei Mitglieder des NPD Kreisverbandes Greiz einen ausländischen Mitbürger zuhause zu bedrohen, es kam zur Schlägerei. In der lokalen Tageszeitung wurde dieser Vorfall lapidar als Streit unter Nachbarn abgetan. Passt gut ins Konzept von Behörden und der Polizei, die solche Vorfälle am liebsten unter den Teppich kehren, um bloß nicht den Ruf der Stadt zu schädigen.
Ach ja da war doch noch was im Juni. Der Thüringentag, welcher nur aller zwei Jahre gefeiert wird und Stadtgeburtstag, alles an einem Wochenende. 800 Jahre vogtländischer Beständigkeit sollten nicht gestört werden. Sicherheit wurde großgeschrieben. Etwa 300 Polizisten darunter viele BFE’ler (im Volksmund „Demobullen“ genannt) und unzählige Security waren im Einsatz.
Größere Konfrontationen zwischen Rechten und ihren Gegnern sind nicht zu vermelden. Freitagabend wurde ein Punk verprügelt. Samstag verhinderte die Polizei nachdem es öfters zu Provokationen von Rechten kam eine gewaltsame Eskalation. Alles ok, so konnten etwa 60 Nazis im Roadhouse den Abend ausklingen lassen. Das Konzept der Stadt ging auf, Sicherheit durch Repressionsmaßnahmen. Doch das Problem bleibt und wird weiter munter verschwiegen. Bereits Anfang Juni verkündeten lokale Medien die Aufklärung einer Serie rechter Schmierereien in Greiz, begangen wurden die Taten zwischen Februar und April 2009.

Am 11. Juli frühmorgens kam es wieder zu so einer Schmiererei an einem Supermarkt in Greiz. „Judenmord ist nicht vermeidbar“ stand da geschrieben. Eine aufmerksame Anwohnerin hatte sich die Kennzeichen von mehreren Fahrzeugen notiert mit denen die Schmierfinken unterwegs waren. Nur wenig später an diesem Tag wurde die Polizei zu einer Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen gerufen. Wahrscheinlich nichts Böses ahnend trafen die Beamten der PI Greiz am Ort des Geschehens ein und stellten fest, dass es sich um dieselben Personen handelt die kurz vorher noch Häuserwände beschmiert haben. Bei der Durchsuchung der Fahrzeuge konnten diverse Spraydosen und andere Utensilien festgestellt werden. Die Polizei durchsuchte gleichzeitig die Wohnung eines am Ort des Gesehen wohnenden Rechtsextremisten. Neben der typischen Nazi Propaganda wurden auch einige Luftdruckwaffen sichergestellt. Aber all das ist kein Grund das Kind beim Name zu nennen, weder Polizeibericht noch der Artikel in der OTZ gaben Auskunft über den Rechtsextremen Hintergrund.

So wird in Greiz und im Landkreis aber auch im Rest des Vogtlandes munter weiter verdeckt und alles was nur entfernt mit rechten Straftaten zutun hat vehement entpolitisiert. So wird es den Nazis von der NPD leicht gemacht öffentlich ihr Saubermann-Image zu pflegen.

Der Nazimord an Marwa El-Sherbini und die Antifa

Von Peter Nowak

Einige Gedanken zur der Nichtreaktion auf einen Neonazimord am 1. Juli 2009 in Dresden.
Es ist überhaupt kein Widerspruch, Islamismus und Antisemitismus zu kritisieren und Rechtsgleichheit für alle MigrantInnen zu fordern- mit und ohne Papiere und selbstverständlich auch für Islamisten

aus Islamismus Kulturphänomen oder Krisenlösung?“ herausgegeben von Kritik und Praxis Berlin, Seite 63

Am 1. Juli 2009 war Dresden Schauplatz eines der spektakulärsten Neonazimorde, die es in den letzten Jahren in Deutschland gab. Die Ägypterin Marwa El-Sherbini wurde an diesem Tag im Gerichtssaal von einem Neonazi mit 18 Messerstichen ermordet. Täter war der Neonazi, der sie schon ein Jahr vorher rassistisch beleidigt hatte. Er wollte dem Kind einer Ägypterin nicht erlauben, auf einem deutschen Spielplatz die Schaukel zu benutzen und beschimpfte die Frau rassistisch, als sie den Nazi aufforderte, die Schaukel freizugeben.
Marwa El-Sherbini beschritt den Rechtsweg. Sie zeigte den Rassisten an, der zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Dabei wurde die rassistische Komponente weitgehend ausgeblendet wurde. Die Tat wurde zu einer Alltagsbeleidigung herabgestuft, wie so oft bei Naziverbrechen. Weil der Rechte Widerspruch einlegte, kam es am 1.Juli zu dem Zivilprozess vor dem Dresdner Gericht. Nachdem Marwa El-Sherbini ihre Aussage über den rassistischen Vorfall gemacht hat, stürzte sich der Nazi mit dem Messer auf sie und machte seinem Vernichtungswillen mit dem Schrei deutlich, dass so was wie die, kein Recht zu leben hat. Der Ehemann von El-Sherbini der sich dem Nazi in den Weg stellte, wurde ebenfalls durch Messerstiche schwer verletzt. Als die herbeigeeilten Polizisten am Tatort eintrafen, schossen sie ihn zudem noch einmal ins Bein. Sie hatten zielsicher den äußerlich nichtdeutschen als Täter erkannt. Eine integrierte ägyptische Familie, die nicht nur in Deutschland lebend sondern auch ihre ihnen grundgesetzlich zustehenden Rechte verteidigt, das passte wohl nicht in ihr Bild.
Noch Tage nach dem Nazimord wurde in den Medien von einem unbegreiflichen Vorfall in einem Zivilprozess geschrieben. Erst nach mehr als einer Woche wurde auch in deutschen der nazistische Charakter der Tat anerkannt. Das kennen wir ja auch bei anderen Fällen öfter.

Doch wo bleiben die Proteste der Antifa?

Von Mahnwachen am Tatort und von Demonstrationen wurde nichts bekannt. Sollte es sie in kleinerem Ausmaß gegeben haben, dann sind sie die berühmte Ausnahme, die aber nur so deutlich machten, dass der Tod von Marwa El-Sherbini dort nicht zum Thema wurde. Nun könnte man einwenden, die Sommerpause naht und die Antifa ist auch nicht mehr so mobilisierungsfähig. Das ist nicht ganz falsch. Aber die energische Reaktion nach dem Naziüberfall auf einen Linken in Berlin-Friedrichshain, zeigt, dass es ganz so schlecht um die antifaschistische Mobilisierungsfähigkeit auch nicht bestellt ist. Nicht nur in Berlin sondern auch in Rostock und anderen Städten wurde gegen den Naziüberfall protestiert und weitere Demos sind in Vorbereitung? Auch eine andere, vor in den Medien kolportierte Behauptung, dass der Täter aus Russland stammt und deshalb der nazistische Charakter der Tat nicht gleich erkannt wurde, dürfte für die Antifa nicht von Belang sein. Das Argument ist im Kern rassistisch. Schon lange wissen wir, dass Menschen mit arabischem Hintergrund antisemitische Aktionen verüben, dass Graue Wölfe genau so Faschisten sind wie NPDler etc. Im Fall des Mörders von Marwa El-Sherbini ist das Argument aber besonders absurd. Er hat sich als Russlanddeutscher verstanden, d.h. er gehört zu denen, die auf Grund einer völkischen Konstruktion sein Recht, in Deutschland zu leben, begründet. Dieses völkisch-definierte Recht, dass Deutsche in allen möglichen Ländern konstruiert, muss gerade von denen bekämpft werden, die für ein Recht auf freien Aufenthalt streiten. Es ist nämlich dessen Negation. Menschen sollen da wohnen können, wo sie wollen, aber gerade eben nicht mit Volk und Blut argumentieren. Denn das ist gerade die Negation des freien Aufenthalts. Es ist auch AntifaschistInnen nicht verborgen geblieben, dass es um die sogenannten Russlanddeutschen im rechten Lager Querelen gab. Während sie von manchen Dumpfnazis nicht als vollwertige Deutsche anerkannt wurden, hatten rechte Funktionäre schon früh erkannt, dass gerade dort ein wichtiges Potential besteht. Schon längst wirbt beispielsweise die NPD im Milieu dieser jungen „Russlanddeutschen“ gezielt für ihre rechten Thesen.
Deswegen muss nicht verwundern, dass der Nazi von Dresden erklärte, dass er NPD gewählt hat.
Der Fall wäre also der Idealfall einer Antifakampagne. Ein Nazimord in einem deutschen Gericht, Polizisten die zunächst den Mann des Opfers zum Täter machten, ein rassistisches Konstrukt der „Russlanddeutschen“ und eine Medienreaktion, die zunächst die faschistische Komponente verleugnete.

Warum es zu dieser Kampagne nicht kam, ist die große Frage. Vielleicht weil eine Frau, die ein Kopftuch trägt, sofort zur Islamistin gestempelt wird und deshalb kein Naziopfer sein kann? Weil ja in manchen linken Kreisen noch immer behauptet wird, dass die Rede von der Islamophobie nur vom Antisemitismus ablenken würde? Muss da nicht nach dem Nazimord von Dresden in mehrfacher Hinsicht umgedacht werden? Wer es noch nicht wahrhaben wollte, müsste jetzt belehrt sein: Es gibt einen rechten Vernichtungswillen gegen Menschen, wie Marwa El-Sherbini. Sie trug ein Kopftuch und war trotzdem nicht das Opfer von islamistischer Männergewalt, wie manche es immer darstellen. Sie nutzte die Wege der Zivilgesellschaft, um sich gegen die Beleidigung des Nazis zu wehren Eine Frau mit Kopftuch, die dann noch für Recht kämpft, das war dem zu viel.
Der Mord von Dresden zeigt einmal mehr, dass es falsch ist, Antisemitismus und Islamophobie gegeneinander zu stellen. Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden fand da die richtigen Worte.
Die meisten derjenigen, die auf eine Frau mit Kopftuch das Lebensrecht absprechen, werden gegenüber einem Juden oder einer Jüdin mit entsprechenden Insignien ihrer Religion nicht anders reagieren
Umdenken sollten auch diejenigen, die noch immer ein Kopftuchverbot fordern, und damit nicht akzeptieren wollen, dass es Frauen gibt, für die es kein Symbol der Unterdrückung ist. Die Devise „Keine Frau darf zum Tragen eines Kopftuches von wem auch immer gezwungen werden“ ist richtig. Sie muss nur ergänzt werden “Keine Frau darf Nachteile davon haben, dass sie aus freien Stücken ein Kopftuch trägt?“

Auch die „Kompetenzzentren Islam“, die es in verschiedenen Städten gibt, sollten ihre Fragestellung erweitern. Es geht eben nicht nur darum, zu fragen, wie integrationsbereit sind die Menschen mit „arabischem Hintergrund?“ Es geht auch um die Frage, wie ist diese Gesellschaft beschaffen, in die sich integrieren sollen. Die gesellschaftliche Reaktion auf den Nazimord an der integrierten Marwa El-Sherbini lassen da viele Zweifel offen.
Vielleicht sollte nach dem Vorbild der Antonio Amadeu-Stiftung auch eine Marwa El-Sherbini -Stiftung gegründet werden. Sie soll erinnern an eine mutige Frau, die sterben musste, weil sie emanzipiert war und weil sie genau das machte, was viele immer von Menschen mit „migrantischen Hintergrund“ fordern. Sie hat die Zivilgesellschaft nicht nur anerkannt sondern auch genutzt. Deswegen wurde sie umgebracht.
Und nutzen wir den Prozess gegen ihren Mördern, um Marwa El-Sherbini den verdienten Respekt zu erweisen. Das ist auch die beste Antwort verschiedener Islamisten, die sie jetzt zur Märtyrerin stilisieren wollen. Das hat diese mutige Frau nun wahrlich nicht verdient.

Quelle: Indymedia

Geisterstunde in Gera – 4000 Rechtsextreme feierten „Rock für Deutschland“

In Gera haben es Rechtsextreme geschafft, Nazikultur wieder zur Alltagskultur zu machen. Ungehindert konnten dort am 11. Juli rund 4000 Neonazis ein Festival abhalten – quasi mitten in der Stadt. Die Zivilgesellschaft blieb hilflos und in der Minderheit.

Von Madeleine Warsitz, Gera

Der Spuk scheint kein Ende nehmen zu wollen. Aus allen Himmelsrichtungen strömen Rechtsextremen am Samstagmittag auf die Rasenfläche, die so unschuldig „Spielwiese“ genannt wird. Zum siebten Mal halten sie in diesem Jahr ihr Spektakel „Rock für Deutschland“ im ostthü-ringischen Gera ab, und dieses Mal verspricht, den Rahmen des Vorstellbaren zu sprengen. Hat die Geraer Stadtverwaltung zunächst noch mit 1000 Teilnehmern gerechnet, korrigiert sie ihre Prognose später um das Doppelte nach oben. Die Polizei zeigt sich am Ende von offiziell gezählten 3900 angereisten Rechtsextremen überrascht.

Der Grund: Michael Regener alias „Lunikoff“ hat sich angekündigt. Die Mythengestalt der Szene ließ die Besucherzahlen astronomisch nach oben schnellen. Die Gegendemonstration indes blieb Geraer Verhältnissen treu – gerade mal 700 Menschen protestierten gegen die rechte Veranstaltung.

Die Geraer Verhältnisse, sie scheinen den Rechten die liebsten zu sein. Nicht umsonst kommen sie seit Jahren mit dem von der NPD mitorganisierten „Rock für Deutschland“ in die Otto-Dix-Stadt. Die Abgeschiedenheit der „Spielwiese“, der meist mickrige Protest der Geraer Bürger, ein umtriebiger NPD-Kreisverband. Auch diesmal ist die Rechnung aufgegangen.

Unter dem Motto „Hier bleiben – anpacken!“ sitzen 3900 Rechtsextreme in aller Ruhe bei Rechtsrock und Bratwurst zusammen und lauschen mehr oder minder aufmerksam den politischen Reden des stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Frank Schwerdt, des Parteichefs Udo Voigt und der Thüringer NPD-Größe Patrick Wieschke. Allein die prominente Aufstellung zeigt: Das ist keine Gartenparty. Zwischen den Redebeiträgen dröhnt Rechtsrock von der Bühne. Szene-Promis wie „Sleipnir“, „Brain-wash“, „Blitzkrieg“ und vor allem „Die Lunikoff Verschwörung“ ziehen die Rechtsextremen scharenweise vor die Bühne, es ist rappelvoll.

Vor lauter Krach verhallt der über Megafon verstärkte Protest der Geraer Bürger ungehört. Der Protestzug mit gerade mal 700 Menschen, davon viele aus anderen Teilen Thüringens, zieht unter den Argusaugen der Polizei in einer Seitenstraße am Veranstaltungsort der Rechten vorbei. Der einzige kritische Punkt der Route, an dem es zu Zusammenstößen kommen könnte, ist hermetisch mit Blockaden abgesperrt. Beamte in Kampfausrüstung und mit Schutzschilden stehen bereit. Eine Straßenbahn ist vor dem Einlassbereich der Rechtsextremen zum Stehen gekommen und verdeckt die Sicht auf die Besucher.

„Wir sind vorbereitet, aber Gera ist nicht vorbereitet“

Initiiert vom Jenaer „Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus“ entschließen sich rund 300 Gegendemonstranten zu einer spontanen Sitzblockade auf der Straße. „Schade, dass sich fast keine Geraer hingesetzt haben“, bedauert Norman Beberhold vom Aktionsnetzwerk. Das Bündnis hat sich in den letzten Jahren auf friedliche Sitzblockaden spezialisiert und bietet dazu immer wieder Trainings an.
Die Blockade wird nach kurzer Zeit wieder friedlich aufgelöst. „Wir sind vorbereitet, aber Gera ist nicht vorbereitet“, sagt Beberhold. „Wenn die das Stichwort ‚ziviler Ungehorsam’ hören, denken sie, wir wollen Steine schmeißen.“ Seine Einschätzung: „Der übliche Geraer ist zufrieden, wenn er in Ruhe gelassen wird.“ Das kann auch der stellvertretende Bürgermeister, Norbert Hein, nicht ganz von der Hand weisen. „Die Geraer sind schwer zu mobilisieren“, gibt er zu. Allerdings betont er, Gera sei keine Ausnahme als Anlaufpunkt der Rech-ten. „NPD-Veranstaltungen gibt es auch in anderen Städten.“ Hein vermutet, dass den Rechtsex-tremen die Abgelegenheit der „Spielwiese“ besonders gut gefällt. „Dort geht die Veranstaltung weitgehend an der Öffentlichkeit vorbei.“

In der Tat. Mitten in der schmucken Geraer Innenstadt ist von dem gespenstischen Treffen der Rechten nichts zu spüren. Das Leben geht weiter wie eh und je. Junge Mütter schieben ihre Kinderwagen übers Kopfsteinpflaster, Rentner holen beim Bäcker Brötchen für ein spätes Samstagsfrühstück. Die Bäckersfrau echauffiert sich an der Kasse dann doch über die Neonazis: „Die wissen doch gar nicht, was Hitler ist. Die haben ja keine Ahnung, wie das wirklich war.“ Dass Gera seit Jahren die rechte Szene anzieht, erklärt sie sich mit der Größe der Stadt. „Gera ist klein. Wis-sen Sie, in Hamburg oder Berlin verläuft sich so was. Aber hier… Also bloß schnell nach Hause!“ Die Frage, ob das wohl der richtige Weg ist – sich zuhause verstecken – kann sie nicht mehr beantworten. Die nächste Kundin wartet.

Versammlungsort der Gegendemo

„Wir sind selbst dafür verantwortlich, was aus dieser Stadt wird“, sagt Norbert Hein bei der Kundgebung. Gera sei eine demokratische Stadt. Trotz dieser Beschwörungen lässt sich das Vorpreschen der Rechtsextremen nicht leugnen. Zwei Sitze hat die NPD bei der Kommunalwahl Anfang Juni abgeräumt und mischt jetzt nach langer Zeit wieder im Stadtrat mit. Wie weit der Einfluss reicht, bleibt abzuwarten. Fest steht aber, dass das eine eher fragwürdige Entwicklung ist. Überhaupt hat Gera es seit der Wende nicht leicht gehabt. Von einem blühenden Industriezentrum mit 135.000 Einwohnern zu DDR-Zeiten hat es sich nach 1990 in ein Paradebeispiel einer schrumpfenden Stadt verwandelt.

Wegen des Geburtenrückgangs und der wegfallenden Arbeitsplätze hat Gera binnen 15 Jahren mehr als 30.000 Einwohner verloren. Im Juni 2009 lag die Arbeitslosenquote der Stadt bei 11,9 Prozent. Zum Vergleich: Deutschlandweit liegt der Wert bei 8,1 Prozent. Gera hat keine studentische Kultur wie etwa Jena, Erfurt oder Weimar, wo es immer wieder größere Protestaktionen gegen Rechtsextremismus gibt. Die Bürger Geras kämpfen mit den Problemen des Alltags; für Engagement in der Zivilgesellschaft bleibt keine Zeit. Norbert Hein mag das jedoch nicht nur mit dem Problem der schrumpfenden Stadt begründen: „Ich bin seit 1990 hier und damals war abends auf den Straßen auch schon nichts los.“

Vielleicht ist der Kern der Sache also ein Geraer Mentalitätsproblem, gepaart mit den Belastungen des Bevölkerungsrückgangs. Den Rechtsextremen spielt die Geraer Mentalität in die Hände. Am Samstag fühlen sie sich pudelwohl auf ihrer Wiese, lassen sich die Sonne auf die Nase scheinen und treffen alte Bekannte. Wer noch ein neues Outfit braucht, kann sich an den Merchandise-Ständen umsehen – „Thor Steinar“- und „Landser“-Aufdrucke gibt es in rauen Mengen.

Kleidung und Musik sind nach wie vor die identitätsstiftenden Mittel der Szene. Zunehmend stellen sich die Hersteller auch auf Mädchen ein. Auf der „Spielwiese“ tragen junge Frauen Girlie-Shirts mit Aufdrucken wie „Mein Freund ist Deutscher“ oder „Düütsche Deerns“. Das neue Label „Ansgar Aryans“ wird in Kisten herangekarrt und nach akribischer Untersuchung durch die Poli-zei unters Volk gebracht. Doch das ist nicht die einzige Einnahmequelle der Szene. Wer auf den Platz will, zahlt am Eingang 15 Euro – ein Unkostenbeitrag, wie die Veranstalter sagen.
Irgendwann trudelt Michael Regener alias „Lunikoff“ in einem schwarzen Van ein und schlendert später gutgelaunt über den Platz. Mit seinen hasserfüllten, eindeutigen Texten ist er vor Jahren ins Fahndungsfeld der Polizei gerückt und konnte deshalb so gut wie nie öffentlich auftreten – er wäre auf der Stelle verhaftet worden. Über diesem Katz-und-Maus-Spiel ist ein Mythos um den Mann entstanden, der sich der Anonymität halber nur „Lunikoff“ nannte. Sein wirklicher Name wurde erst bekannt, als seine damalige Band „Landser“ als kriminelle Vereinigung eingestuft und ihre Mitglieder vor Gericht gestellt wurden.
Regener verbüßte eine dreieinhalbjährige Gefängnisstrafe – auch weil er sich weigerte, mit dem Gericht zu kooperieren. Das hat sein Image als unbeugsamer Szene-Held noch verstärkt. Seit letztem Jahr ist er wieder auf freiem Fuß und betritt mit der „Lunikoff Verschwörung“ gelegentlich die Bühne. Nach Einschätzung von MOBIT-Mitarbeiter Stefan Heerdegen sind seine Texte nicht mehr so unverblümt wie früher. „Das müssen sie aber auch nicht sein, denn jeder versteht die Anspielungen.“

Und auf die warten die Rechtsextremen in Gera bis zum frühen Abend. „Lunikoff“ ist der Star des Tages, er hat die Neonazis zu Tausenden in die Otto-Dix-Stadt geholt. Die Polizei kontrolliert indessen eher hilflos Kisten mit Lieferware frischer Neonaziklamotten – solch ein Festival ist in der Regel für Nazimodebranche ein besonders dickes Geschäft. Um 19 Uhr wird das Konzert beendet, eine Stunde zuvor bereits die Gegendemonstration.

Für den NPD-Kreisverband ist es ein Riesenerfolg – der Widerstand der Geraer bleibt aus, dafür ist der Zulauf aus den eigenen Reihen umso größer. Die Veranstaltung signalisiert den Rechten: Hier können wir uns breit machen. Den Geraer Bürgern aber zeigt dieser Tag aufs Neue: Wer sich zuhause versteckt, wird die Rechtsextremen erst recht nicht los.
Wohin das aus deren Sicht führen soll, zeigen zurückbleibende Spuren.

Quelle: Mut gegen rechte Gewalt

13.07.2009