Archiv für Januar 2010

Alltäglichkeiten

Wer mittags nach der Schule in Greiz auf den Bus wartet und nicht nur mit sich selbst beschäftigt ist, kann so manches aufschnappen. Hier und Da stehen Schülergruppen, es wird laut erzählt, gelacht und sich gegenseitig geneckt. Eigentlich normal.
Doch mittendrin Schüler mit Rudolf Hess-, Anti-Antifa-, Landser- und anderen Buttons mit rechtem Gedankengut. Ein Thor Steinar Schriftzug an der Mütze hier, ein nicht leicht zu erkennendes Symbol an der Jacke da. So kommt der Nazinachwuchs von heute daher.

Kleider machen Leute, nicht immer – Doch manchmal schon.

Kurz zurück zur Bushaltestelle. „Halt die Schnauze“ hallte es einem „nicht ganz arischen“ Schüler entgegen, als er einen der Älteren bat endlich einzusteigen.
Jaja kleine Alltäglichkeiten, nichts worüber man sich all zu große Gedanken machen bräuchte, wenn den Älteren nicht Buttons mit dem Konterfei von Rudolf Hess und anderem Nazischrott geziert hätten. Mit 15-16 Jahren ist man oftmals noch nicht gefestigt in seinen politischen Aussagen, so kann man sich beruhigen. Doch so betrügen wir uns schon lange.

Nazis gibt es nur dann, wenn es Gewalt gibt. So könnte man denken, wenn man die Alltäglichkeiten nicht näher betrachtet.

Fetzige Rockmusik, Szenecodes und Zusammengehörigkeitsgefühl. Alles was man als Jugendlicher für ein bisschen geträumte Revolution braucht. Interessant wird es dann, wenn der Hintergrund, der diese Subkultur ausmacht, durch eine Menschenverachtende, nationalistische Ideologie gestützt wird.
Rudolf Hess – Kriegsverbrecher in der Schule, Ermordeter für Verschwörer, Held und „Friedensaktivist“ für die Braune Kultur. Im Vogtland gibt es schon seit Jahren ihm zu Ehren ein Fußballturnier. Ein alter Hut – ich weiß.

Immer noch Bushaltestelle.

„Die ärgern uns öfters“ hörte man den jüngeren Schüler zu einer Frau sagen, welche die Situation beobachtete und ihn unterstützen wollte. In diesem Moment war die Alltäglichkeit bereits vorüber – Ein Augenblick, einer von vielen.

Vogtland: Solidarität mit Antifaschisten

In Greiz und Reichenbach gab es heute Unterstützungsaktionen gegen die Kriminalisierung des antifaschistischen Bündnisses in Dresden und aller anderen Antifaschisten.

Spät zu Bett und trotzdem nicht verschlafen

Heute früh haben sich sicherlich einige Autofahrer die nach Greiz herein oder heraus wollten gewundert. An einigen Hauptverkehrsstraßen und in der Innenstadt brachten Antifaschisten Transparente an, mit denen sie ihre Solidarität mit kriminalisierten Antifaschisten bekundeten und zur Teilnahme an den Prosteten gegen den Naziaufmarsch in Dresden am 13.02.10 aufrufen.

Solidarität auch in Reichenbach

Am frühen Abend brachten in der sächsischen Stadt Antifaschisten ihre Solidarität zum Ausdruck. In einigen Stadtteilen wurden Plakate geklebt und Transpis angebracht. In ihren Solidaritätsbekundungen rufen auch hier die Antifaschisten dazu auf, gemeinsam den Naziaufmarsch zu blockieren. Bereits in der jüngeren Vergangenheit gab es verschiedene Soliaktionen.

Gegen jegliche Verharmlosung rechtsextremen Gedankengutes, egal ob in Dresden, Greiz, Reichenbach und anderswo

Die verschärften Repressionsmaßnahmen gegen Antifaschisten und in diesem Fall speziell gegen das Dresdner Bündnis stellen nur die Spitze des Eisberges dar. Mit dem seit Jahren vorherrschendem Fingerzeig auf Nazigegner verharmlost man den ständig wachsenden, latenten Nationalismus und Rassismus in Deutschland. Es wird diskutiert und kriminalisiert, Antifaschisten als Nestbeschmutzer dargestellt. Aber die, die in diesem schmutzigen Spiel die Hauptrolle spielen sollten, bleiben weiterhin außen vor.

Kein Vergeben, kein Vergessen

Im Gedenken an die Millionen von Opfern des deutschen Rassenwahns.

Kinderschuhe aus Lublin
Johannes R. Becher

Von all den Zeugen, die geladen,
vergess ich auch die Zeugen nicht.
Als sie in Reihn den Saal betraten,
erhob sich schweigend das Gericht.

Wir blickten auf die Kleinen nieder,
ein Zug zog paarweis durch den Saal.
Es war, als tönten Kinderlieder,
ganz leise, fern, wie ein Choral.

Es war ein langer bunter Reigen,
der durch den ganzen Saal sich schlang.
Und immer tiefer ward das Schweigen
bei diesem Gang und Kindersang.

Voran die Kleinsten von den Kleinen,
sie lernten jetzt erst richtig gehn
- auch Schuhchen können lachen, weinen –,
ward je ein solcher Zug gesehn?

Es tritt ein winzig Paar zur Seite,
um sich ein wenig auszuruhn,
und weiter zieht es in die Weite -
es war ein Zug von Kinderschuhn.

Man sieht, wie sie den Füßchen passten -
sie haben niemals weh getan,
und Händchen spielten mit den Quasten,
das Kind zog gern die Schuhchen an.

Ein Paar aus Samt, ein Paar aus Seiden,
und eines war bestickt sogar
mit Blumen, wie sie ziehn, die beiden,
sind sie ein schmuckes Hochzeitspaar.

Mit Bändchen, Schnallen und mit Spangen,
zwerghafte Wesen, federleicht -
und viel sind viel zu lang gegangen
und sind vom Regen durchgeweicht.

Man sieht die Mutter, auf den Armen
das Kind, vor einem Laden stehn:
„Die Schuhchen, die, die weichen, warmen,
ach Mutter, sind die Schuhchen schön!“

„Wie soll ich nur die Schuhchen zahlen.
Wo nehm das Geld ich dafür her….“
Es naht ein Paar von Holzsandalen,
es ist schon müd und schleppt sich schwer.

Es muss ein Strümpfchen mit sich schleifen,
das wund gescheuert ist am Knie….
Was soll der Zug? Wer kann `s begreifen?
Und diese ferne Melodie….

Auch Schuhchen können weinen, lachen….
Da fährt in einem leeren Schuh
ein Püppchen wie in einem Nachen
und winkt uns wie im Märchen zu.

Hier geht ein Paar von einem Jungen,
das hat sich schon als Schuh gefühlt,
das ist gelaufen und gesprungen
und hat auch wohl schon Ball gespielt.

Ein Stiefelchen hat sich verloren
und findet den Gefährten nicht,
vielleicht ist der am Weg erfroren -
ach, damals fiel der Schnee so dicht….

Zum Schluss ein Paar, ganz abgetragen,
das macht noch immer mit, wozu?
Als hätte es noch was zu sagen,
ein Paar zerrissener Kinderschuh.

Ihr heimatlosen, kinderlosen,
wer schickte euch? Wer zog euch aus?
Wo sind die Füßchen all, die bloßen?
Ließt ihr sie ohne Schuh zu Haus?

Der Richter kann die Frage deuten.
Er nennt der toten Kinder Zahl.
….ein Kinderchor. Ein Totenläuten.
Die Zeugen gehen durch den Saal.

Die Deutschen waren schon vertrieben,
da fand man diesen schlimmen Fund.
Wo sind die Kinder nur geblieben?
Die Schuhe tun die Wahrheit kund:

Es war ein harter dunkler Wagen.
Wir fuhren mit der Eisenbahn.
Und wie wir in dem Dunkel lagen,
so kamen wir im Dunkel an.

Es kamen aus den Ländern allen
viel Schuhchen an in einem fort,
und manche stolpern schon und fallen,
bevor sie treffen ein am Ort.

Die Mutter sagte: „Wie viel Wochen
wir hatten schon nichts Warmes mehr?
Nun werd ich uns ein Süppchen kochen.“
Ein Mann mit Hund ging nebenher:

„Es wird sich schon ein Plätzchen finden“,
so lachte er, „und warm ist`s auch,
hier braucht sich keiner abzuschinden….“
bis in den Himmel kroch ein Rauch.

„Es wird euch nicht an Wärme fehlen,
wir heizen immer tüchtig ein.
Ich kann Lublin nur warm empfehlen,
bei uns herrscht ewiger Sonnenschein.“

Und es war eine deutsche Tante,
die uns im Lager von Lublin
empfing und „Engelspüppchen“ nannte,
um uns die Schuhchen auszuziehn,

und als wir fingen an zu weinen,
da sprach die Tante: „Sollt mal sehn,
gleich wird die Sonne prächtig scheinen,
und drum dürft ihr jetzt barfuss gehn….

Stellt euch mal auf und lasst euch zählen,
so, seid ihr auch hübsch unbeschuht?
Es wird euch nicht an Wärme fehlen,
dafür sorgt unsere Sonnenglut….

Was, weint ihr noch? `s ist eine Schande!
Was tut euch denn, ihr Püppchen, weh?
Ich bin die deutsche Märchentante!
Die gute deutsche Puppenfee.

`s ist Zeit, ihr Püppchen, angetreten!
Was fällt euch ein denn, hinzuknien.
Auf, lasst uns singen und nicht beten!
Es scheint die Sonne in Lublin!“

Es sang ein Lied die deutsche Tante.
Strafft sich den Rock und geht voraus,
und dort, wo heiß die Sonne brannte,
zählt sie uns nochmals vor dem Haus.

Zu hundert, nackt in einer Zelle,
ein letzter Kinderschrei erstickt….
Dann wurden von der Sammelstelle
die Schuhchen in das Reich geschickt.

Es schien sich das Geschäft zu lohnen,
das Todeslager von Lublin.
Gefangenenzüge, Prozessionen.
Und – eine deutsche Sonne schien….

Wenn Tote einst als Rächer schreiten
und über Deutschland hallt ihr Schritt
und weithin sich die Schatten breiten -
dann ziehen auch die Schuhchen mit.

Ein Zug von aber tausend Zwergen,
so ziehen sie dahin in Reihn,
und wo die Schergen sich verbergen,
dort treten sie unheimlich ein.

Sie schleichen sich herauf in Stiegen,
sie treten in die Zimmer leis.
Die Henker wie gefesselt liegen
und zittern vor dem Schuldbeweis.

Es wird die Sonne brennend scheinen.
Die Wahrheit tut sich allen kund.
Es ist ein großes Kinderweinen,
ein Grabgesang aus Kindermund….

Der Kindermord ist klar erwiesen.
Die Zeugen all bekunden ihn.
Und nie vergess ich unter diesen
die Kinderschuhe aus Lublin.