Wer ist eigentlich Dörte von Westernhagen?

Vor mehr als zwei Jahren veröffentlichten wir auf unserem Blog eine Zusammenfassung zum Leben des Wehrmachtsoffiziers Kurt von Westernhagen. Er verweigerte in Greiz kurz vor Kriegsende die sinnlose Sprengung mehrerer Brücken, wurde von der Gestapo gefasst und erschossen.

Im Mai 2010 meldete sich Dörte von Westernhagen, die mit Kurt von Westernhagen weitläufig verwandt ist. Eigentlich suchte sie nur Kontakt zu dem Autor eines Artikels über Kurt von Westernhagen aus dem Buch „Berühmte Greizer“.
Glücklicherweise wussten wir nichts über den Autor und so kam es, dass sie uns ein Manuskript mit ihren Recherchen über Kurt von Westernhagen zuschickte. Durch die sich anschließenden E-mails entstand die Idee, dann der Wunsch, einen Bericht über Dörte von Westernhagen zu schreiben.

In einer ihrer E-Mails nannte sie uns die Adresse einer Internetseite, auf der sie Lebensläufe von Familienmitgliedern veröffentlichte. Die meisten waren Nationalsozialisten gewesen. Informationen über Dörte von Westernhagen selbst fanden wir hier nicht.
Auch über das Internet erfuhren wir nur wenig über sie. Ein wichtiger Hinweis war, dass sie 1987 ihr erstes Buch veröffentlichte. Der Titel des Buches lautet „Die Kinder der Täter. Das Dritte Reich und die Generation danach“. Dieses Buch ist das Ergebnis einer jahrelangen Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte, vor allem mit dem Leben ihres Vaters. Er war Offizier der Waffen-SS. Mittlerweile ist es über 20 Jahre her, dass sie dieses Buch schrieb – ihre persönliche Aufarbeitung unserer Geschichte. Für ihr Werk erhielt sie 1993 den Sonderpreis zum Friedenspreis der Stadt Osnabrück.

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in den 1960er Jahren und der Doktorarbeit zur Rechts- und Sozialgeschichte im 19. Jahrhundert arbeitete sie bis Ende 1979 im Öffentlichen Dienst Niedersachsens. In dieser Zeit begann sie mit der Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte. 1980 schied sie freiwillig aus dem Beamtendasein, zuletzt als Oberregierungsrätin, aus, um als freie Journalistin zu arbeiten. Sie schrieb für „Die Zeit“, machte Radio – Features für verschiedene Sender und schrieb ihr erstes Buch.
Im Zuge unseren Kontaktes, hatten wir Gelegenheit, ein Interview mit ihr zu führen.
Anfang der 1990er Jahre reiste sie mit anderen Journalisten nach Israel. „Ich sah, dass es Hitler nicht gelungen war, das Volk auszulöschen“, so Dörte von Westernhagen im Interview – vorerst ein Endpunkt in ihrer Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich. In den folgenden Jahren arbeitete sie weiter als Journalistin und veröffentlichte das Buch „Tanz auf der Planstelle“, ein Rückblick auf zwei Jahre als Beamtin in der Provinz. 1993 erschien „Und also lieb ich mein Verderben“, ein historischer Roman über eine große Liebe und einen politischen Mord Ende des 17. Jahrhunderts in Hannover, die anhand der Quellen detailgetreu erzählt werden. In ihrer Zeit als Journalistin lebte sie überwiegend in Stuttgart, während der Wendejahre in Berlin, heute in Norddeutschland.

Hinter Menschen steckt oft mehr als nur eine nüchterne Biografie.

Während des Interviews fragten wir unter anderem nach ihrer Sicht auf das Deutschland nach 1945 und nach 1990.
„Es erfüllt mich mit Bitterkeit und Wut, dass unter der Adenauerregierung die braunen Eliten in das junge Staatswesen integriert wurden“.
Dass sie nicht traurig darüber ist, in der Westzone aufgewachsen zu sein, verheimlicht sie aber eben so wenig.

Zu Deutschland nach 1990 sagt sie: „Ich habe die Wiedervereinigung begrüßt und bedauert, dass sie kein wirklicher Neuanfang war. Ich habe aber den Eindruck, dass dieses Land durch den Einfluss der großen Konzerne und die Entschlusslosigkeit der gegenwärtigen Regierung stagniert und die Kräfte der Erneuerung schwach sind. Die Handlungsspielräume sind durch unendliche Sachzwänge und Rücksichten klein. Das Land ist stabil, das ist schon immerhin etwas. Seine Einbindung in die EU finde ich gut“.

Wie bereits erwähnt, veröffentlicht Dörte von Westernhagen selbst recherchierte Lebensläufe von Familienmitgliedern aus der Zeit des Dritten Reichs. Wir fragten sie, wie sie auf die Idee kam, und wie die Reaktion anderer Familienmitglieder darauf ist.

Die Chronik über Mitglieder ihrer Familie vervollständige sie erst seit wenigen Jahren. Die Idee sei ihr während weiterer Recherchen zu ihrem Vater gekommen. Ursprünglich habe sie Kurzfassungen der Biografien im Mitteilungsblatt der Familie von Westernhagen veröffentlichen wollen, sei damit jedoch auf wenig Gegenliebe gestoßen.
„Erst dann entschloss ich mich, diesen Lebensläufen genauer nachzugehen. Ein guter Bekannter erbot sich, die ins Internet zusetzen. Erst später erfuhr ich von einem Historiker, dass es ziemlich einmalig ist, dass eine Familienangehörige, solche Recherchen anstellt und veröffentlicht. Die Adelsfamilien hielten sich zu ihrer Geschichte im Dritten Reich überwiegend sehr bedeckt.“

Von Ablehnung bis Desinteresse reichen die Reaktionen der Familie, nur ein jüngeres Mitglied unterstützte sie bei der technischen Umsetzung, erzählte sie uns während des Interviews.
„Man schweigt, wie man auch über die Geschichte der Familie im 3. Reich schwieg. Der ehemalige Vorstand des Familienverbandes beschimpfte mich ziemlich übel, als ich ihn um Auskünfte bat.“

Wir haben sie nicht nur zu ihrer Familiengeschichte oder nach ihrer Sicht auf Deutschland gefragt, unser Fragenkatalog war ein bunter Blumenstrauß.
Die kürzeste Antwort gab sie uns auf die Frage, was sie von der NPD halte; kurz und knapp: „Nichts“. Ihrer Meinung nach sollte trotz des gescheiterten NPD-Verbotsverfahren von 2003, ein neuer Versuch unternommen werden, die NPD zu verbieten.

Wir fragten Sie auch, ob sie Verbindungen zwischen der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Wiedererstarken der Neonazis sieht.
„Ich sehe eine Verbindung zwischen der Wiedervereinigung und dem Erstarken der Neonazis. Meines Erachtens versuchen die Neonazis die Ressentiments der Leute, die Verlierer der Wiedervereinigung sind, auszunutzen. Ostdeutschland hat in vieler Hinsicht verloren, obwohl viel Geld hineingepumpt wird. Das ist ein Nährboden, um Ressentiments zu schüren. So ähnlich, wie Hitler vor der Machtübergabe1933 Propaganda gemacht hat. Ich weiß aber zu wenig, über das Unwesen der Neonazis in Ostdeutschland, um ein vernünftiges Urteil abgeben zu können.“

Seit einigen Jahren ist Dörte von Westernhagen Rentnerin, aufgehört zu schreiben hat sie aber nicht.
Vor zwei Jahren hat sie die ältesten Bewohner eines Dorfes bei Lüneburg interviewt. „So entstand eine Chronik ab ungefähr 1918, die das Leben damals bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg
schildert“, erklärte sie uns. Die Gemeinde ließ die von Dörte von Westernhagen recherchierte Chronik drucken. Die Chronik war ein Erfolg und verkaufte sich gut. Weiterhin überarbeite sie noch Manuskripte für einen kleinen Verlag. Ohne das Schreiben wäre ihr Leben nur halb so interessant, aber anders als früher könne sie heute schreiben, worauf sie Lust habe. Zum Abschluss noch ein Satz.. Bereut hat sie es nie, das Beamtenleben quittiert zu haben: „Ich konnte schreiben, ein wunderbarer Neuanfang.“

Ihr Leben vollständig erzählen können wir nicht. Auch erheben wir keinen Anspruch auf chronologische Genauigkeit.

Das Interview mit Dörte von Westernhagen entstand Anfang September 2010.

Unser Dank gilt Dörte von Westernhagen.

Die Biografien lassen sich hier nachlesen: Von Westernhagen.de