Archiv für März 2011

Auf ein Wiedersehen

Wir wollen nicht groß drumherum reden. In der nächsten Zeit wird unser Blog nicht aktualisiert. Verschiedene Gründe die nicht in die Öffentlichkeit gehören haben zu dieser Entscheidung geführt. Leicht gefallen ist es uns nicht.

Der Kampf geht weiter, hoffentlich auch bald wieder hier.

Nachgereicht: Lesung mit Dörte v. Westernhagen

Am 17. Februar fand in der Greizer Bibliothek eine Lesung der Autorin und Journalistin Dörte v. Westernhagen zum Leben des Kurt v. Westernhagen statt, veranstaltet vom Bunten Bündnis und der Kreis- und Stadtbibliothek. Vielen Greizern ist der Name Kurt v. Westernhagen geläufig, da er im April 1945 auf dem Platz der SA, seit 1991 Von-Westernhagen-Platz, erschossen wurde. Schon seit 1946 erinnert eine Gedenktafel daran.

Dörte v. Westernhagen brachte Licht in das Dunkel der Biografie des Kurt v.W., einen Helden schuf sie nicht. Der Hauptmann d.R. wurde 1937, mit 46 Jahren, zur Wehrmacht eingezogen; er war Rennreiter gewesen, kein Eroberer. Als Kommandant einer Armeegefangenensammelstelle (AGSSt 3), die der kämpfenden Truppe auf dem Fuße folgte, hatte er provisorische Lager für die nach hinten abgeschobenen Kriegsgefangenen zu errichten. Kurt v.W. war in der Kaiserzeit aufgewachsen. Sollte er, wie Wilhelm II., den er, als die AGSSt 3 1940 in den Niederlanden stand, einige Male besuchte, ebenfalls den Nationalsozialismus als Steigerung des wilhelminischen Imperialismus bejahen? Er war kein Mitglied der NSDAP. Näheres lässt sich nicht sagen.

Den Marschweg der AGSSt 3 in Weißrussland konnten die Zuhörer anhand von Kartenskizzen verfolgen. Zum massenhaften Hungertod der Gefangenen in den Lagern kam der Kommissarbefehl, wonach die politischen Kommissare der Roten Armee zu erschießen waren. Den Nachweis, dass Kurt v.W. ihn nicht befolgte, fand die Autorin nicht.

Im Frühjahr 1942 wurde Westernhagen stellvertretender Kommandant in einem Stammlager für russische Kriegsgefangene. Von 24.000 Gefangenen lebten, als Kurt v.W. seinen Dienst antrat, nur noch 500. Im Herbst 1942 überließ die Wehrmacht das Lager dem SS-Wirtschafts-verwaltungshauptamt, das dort jüdische Zwangsarbeiter aus dem Warschauer Getto zentrierte.

Das erbarmungslose Morden, die für industrielle Zwecke permanente Vernichtung von Menschenleben scheinen nicht spurlos an Kurt v.W. vorüber gegangen zu sein. Er erkrankte an einer Entzündung der Stimmbänder, so die Referentin unter Berufung auf amtliche Quellen, und trat seine nächste Verwendung erst nach sieben Monaten wieder an. Ein mögliches Indiz für eine psychosomatische Erkrankung? Belege dafür gibt es allerdings nicht.

Kurt v.W. kam kurz vor Kriegsende als stellvertretender Chef des 2. Arbeits- und Baubataillons 193 nach Greiz. Es sprengte und räumte die Trümmer Nazideutschlands. Der genaue Auftrag des Bataillons ließ sich nicht feststellen. Da das Wehrmachtkommando zur Verteidigung von Greiz Mitte April, in den letzten Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner, alle Einheiten mit Pioniererfahrung für die Sprengung der Brücken über die Weiße Elster zusammenzog, ist sehr wahrscheinlich, wenngleich nicht bewiesen, dass auch Kurt v. W.‘s Kompanie herangezogen wurde.

Auf Bitten einiger Greizer Bürger ließ er sich von der Ausführung des Befehls abbringen. Dokumente darüber gibt es nicht, wohl aber eine mündliche Tradition. Sie beginnt bei dem Tischlermeister Ernst Weber, der mit einigen Vertrauten zu Kurt v.W. ging und das, was er erlebte, z.B. an die Journalistin Anita Waldmann weitergab. Es gibt eine Stimme, die das mündlich Überlieferte für Kolportage und nachträgliche Erfindung hält. Sie offenbart sich jedoch nicht.

Kurt v. W. desertierte am 14.4.1945 und wurde noch am selben Tag von der Gestapo aufgegriffen und erschossen. Der damalige Kommandeur des SD Thüringen H.-H. Wolff schilderte den Hergang bis zur Exekution in einer eidesstattlichen Erklärung von Dezember 1945.

Die Sinnlosigkeit des barbarischen Krieges, den Nazideutschland entfacht hatte, die Gräueltaten von Wehrmacht und SS an sog. Untermenschen, die Kurt v.W. oft mit ansah, ließen ihn vermutlich zu dem Entschluss kommen, kein williger Helfer mehr sein zu wollen.

Er war kein Nazi, nur ein normaler Deutscher, so zeichnet ihn Dörte v. Westernhagen anhand ihrer Recherchen.

Der ausführliche Lebenslauf ist unter www.von-westernhagen.de zu finden.