Archiv für Juli 2011

Hannie Schaft – eine Antifaschistin unter Antifaschisten

Geboren wurde sie am 16. September 1920 in Haarlem, Niederlande und ermordet am 17. April 1945 in Bloemendaal, Niederlande. Mit bürgerlichen Namen hieß sie Jannetje Johanna Schaft. Der Name Hannie war ihr Deckname in der holländischen Widerstandsbewegung.

Nach der Annexion der Niederlande durch Nazideutschland 1940, bildete sich nur langsam Widerstand gegen die deutschen Besatzer heraus.

Die Situation in den Niederlanden während der deutschen Besatzung schildert Dr. H. Fühner im Jahr 2007 so:

„Denn auf der einen Seite blieb die niederländische Bevölkerung für die Ideologie des Nationalsozialismus insgesamt unempfänglich. Deutsche Lageberichte aus der gesamten Kriegszeit weisen dies überdeutlich aus. Auf der anderen Seite reichte die Haltung der Mehrheit nicht über Resistenz hinaus. Den meisten ging es darum, die Besatzungszeit unbeschadet zu überstehen und soweit möglich einen halbwegs normalen Alltag aufrecht zu erhalten. Der Widerstand fand erst mehr Anhang, als die Kriegslage sich gegen die Deutschen wendete und die Gefahr in Form des Arbeitseinsatzes auch für die Normalbevölkerung real wurde. Ein Großteil der Juden war zu diesem Zeitpunkt bereits deportiert worden. So müssen für ein Bild der Besatzungszeit zwar durchaus auch Schwarz und Weiß Verwendung finden. Aber dominierend muss, wie von Chris van der Heijden zurecht konstatiert hat, doch Grau sein.“

Hannie Schaft, die zur Zeit des Überfalls auf die Niederlande in Amsterdam Jura studierte, wendete sich von Anfang an gegen den Nationalsozialismus. Ihre Geisteshaltung lässt sich mit der Erziehung im Elternhaus, hier wurde über die Situation in Deutschland aber auch über das erstarken der Nationalsozialisten in der Heimat gesprochen und in ihrer Freundschaft zu niederländischen Juden begründen.

Nach der Besetzung der Niederlande, begannen die Deutschen zügig ihre nationalsozialistische Rassenideologie umzusetzen. Vereinzelter Widerstand, wie der Februarstreik von 1941 in Nordholland, der nach einer der ersten großen Verschleppungsaktionen von Juden in deutsche Konzentrationslager begann, wurde von den Nazis erbarmungslos niedergeschlagen.

Der bewusste Weg in den offenen Widerstand gegen die Besatzer und ihre niederländischen Helfer begann für sie spätestens nachdem sie aufgefordert wurde eine Loyalitätserklärung für die Nationalsozialisten zu unterschreiben.

„Wenn es sein muss mit Waffen und Gewalt “, Hannie Schaft reichte es nicht Juden und andere Verfolgte mit falschen Papieren, Geld, Lebensmittelkarten und halbwegs sicheren Quartieren zu versorgen.

Sie beteiligte sich an verschiedenen Sabotageaktionen. So auch an einer versuchten Sprengung des Elektrizitätswerkes in Velsen, nahe der von der deutschen Wehrmacht zur Festung ausgebauten Einfahrt zum Nordseekanal, der Amsterdam mit dem offenen Meer verbindet. Ihre Widerstandsgruppe liquidierte auch Kollaborateure. „Wir hatten keine Gefängnisse, es gab daher keine andere Lösung.“ berichtete Truus Oversteegen eine Kampfgefährtin.

Jannetje Johanna „Hannie“ Schaft, auch bekannt als das „Mädchen mit den roten Haaren“ wurde kurz vor Kriegsende eher zufällig am 21.03.1945 während einer Routinekontrolle verhaftet – Ihre, zur Tarnung schwarz gefärbten Haare nützen nichts.

Beerdigt wurde sie zusammen mit 372 männlichen Widerstandskämpfern in den Dünen bei Bloemendaal. Insgesamt wurden in den Dünen die Leichname von 422 Widerstandskämpfern gefunden.

Bild 1 und 2: Verzetsmuseum Amsterdam
Bild 3: Eerebegraafplaats Bloemendaal

Gera: Nazifest am 06.08. verhindern

Bereits zum 9. Mal will die NPD in Gera dieses Jahr am 06.08. ihre Großveranstaltung mit Festivalcharakter unter dem Motto „Nie wieder Kommunismus – Freiheit für Deutschland“ durchführen. Als Redner sind unter anderem Holger Apfel (MDL Sachsen), Ingmar Knop (NPD Bundesvorstand) und Patrick Wieschke (NPD Landesvorstand Thüringen) angekündigt. Wieschke war im August 2000 an einem Sprengstoffanschlag auf einen Döner Imbiss in Eisenach beteiligt und ist einer der aktivsten Thüringer Neonazis. Ebenfalls ist P. Wieschke auch federführend beim Zeitungsprojekt der Thüringer NPD.

Als Hauptmusikakt wird dieses Jahr die britische Neonaziband „Brutal Attack“ auftreten. Die Band steht dem internationalen Neonazinetzwerk „Blood and Honour“ nahe. Der deutsche Ableger und die in Thüringen gegründete Jugendorganisation von „Blood and Honour“ „White Youth“ wurden im Jahr 2000 in Deutschland verboten.

Tradition seit 2003

Aufgenommen wurde das Konzept des, als politische Veranstaltung, getarnten Musikevents durch die NPD Gera, nachdem 2002 eine ähnliche Veranstaltung in Jena ohne größere Störung durch Polizei oder Gegendemonstranten durchgeführt werden konnte.

2003 fand die Erstauflage noch unter dem Namen „Rock gegen Krieg“ im Geraer Park der Jugend statt. Vor etwa 200 Gästen traten mehrere Neonazibands auf. Seit 2005 firmiert die Veranstaltung unter dem Namen „Rock für Deutschland“. Diese erste Veranstaltung unter dem Namen „Rock für Deutschland“ stellte den Wahlkampfauftakt für die NPD zu den vorgezogenen Bundestagswahlen dar. Etwa 700 Neonazis nahmen teil.

2006 fand das Rechtsrockevent zum ersten Mal auf der „Spielwiese“ in Gera – Debschwitz statt. 2009 erlangte die NPD Veranstaltung bundesweite Bedeutung. Bis zu 5000 Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet nahmen teil. Der immense Zustrom 2009 war sicherlich auch dem Auftritt der „Lunikoff Verschwörung“ geschuldet. Letztes Jahr waren es immerhin noch etwa 1200 Neonazis. Für dieses Jahr werden ebenfalls Besucherzahlen auf dem Vorjahresniveau erwartet.

Geldsegen, politische Hetzreden und regionale Vernetzung

Ein Konzept was aufgeht, waren es anfänglich gerademal 200 Besucher die zur NPD Veranstaltung kamen, bewegten sich die Zahlen der Besucher bis 2009 fast jedes Jahr um die 700 Personen. Für NPD, Rechte Versände und Verlage eine sichere Einnahmequelle. Zwar kann die NPD keinen Eintritt verlangen aber eine Spendenempfehlung ausgeben und ohne diese „freiwillige“ Spende kommt man nicht auf die Veranstaltung. 2009 lag die Spendenempfehlung bei 15 Euro pro Person. Eine durchaus übliche Höhe auch bei ähnlichen von der NPD organisierten Veranstaltungen.

Durch politische Hetzreden und dazu passender Musik versucht man vor allem Jugendliche im vorpolitischen Stadium anzusprechen und an die neonazistische Ideologie der NPD heranzuführen. 2009 sprach der durchaus bieder wirkende Peter Nürnberger vom NPD Kreisverband Greiz davon, dass er stolz sei ein Nazi zu sein. Auch wenn andere Redner nicht immer so deutlich darüber sprachen welchen Geistes Kind sie sind, wird klar wie ein Deutschland nach Vorbild der NPD auszusehen habe.

Eine weitere wichtige Funktion dieser Veranstaltung ist die Vernetzung von Gruppen aus verschiedenen Regionen. Auch wenn erst seit 2009 die bundesweite Bedeutung zugenommen hat, war „Rock für Deutschland“ schon immer ein wichtiges Vernetzungstreffen für Neonazis aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Jahrelanges Schweigen – Erste Erfolge des Gegenprotestes 2010

In den vorangegangenen Jahren kam es nur zu geringeren Widerstand gegen das Rechtsrockevent. Bis auf wenige Akteure aus der Antifa und von lokalen Gruppen, gab es kaum Unterstützung für einen Gegenprotest aus dem bürgerlichen Lager. Gerade wegen der hervorragenden Zusammenarbeit zwischen Geraer Ordnungsamt und NPD war es äußerst schwer einen effektiven Protest auf die Straße zu bringen. Vielfach wurde in der Vergangenheit kritisiert, dass die Polizei übereifrig das Demonstrationsrecht der Neonazis durchsetzte.

Ein Teilnehmer der Gegendemonstration 2008 schilderte seine Erlebnisse so: „Auf Höhe des Hofwiesenparkes konnte ich aus der Demo heraus die Geraer beobachten wie sie in Ruhe Minigolf spielten und sich von unserer Demo nicht stören ließen“. „Als wir auf Höhe der Heinrichsbrücke auf deren gegenüberliegenden Seite sich die Spielwiese befindet angelangt waren, wurde die Polizei hektischer.“ „Leider fehlten uns ausreichend Teilnehmer um den Protest vor Ort aufrecht zu erhalten.“So der Augenzeuge in seinen Ausführungen.

2009 beteiligten sich 700 Menschen an Protesten gegen die braune Propagandaveranstaltung. Deutschland war schockiert, 5000 Neonazis konnten sich in der Ostthüringer Stadt fast unbehelligt bewegen.

2010 gelang es erstmals in einem breiten Bündnis aus Gruppen und Parteien, dem Aktionsbündnis „Gera gegen Rechts“, mehr als 1000 Menschen zu mobilisieren. Auch wenn es nicht gelang, das gesteckte Ziel „Rock für Deutschland“ zu verhindern, so wurde doch ein deutliches Zeichen gegen Nationalismus und Rassismus gesetzt.

Nach dem Protest ist vor dem Protest

An die erfolgreiche Behinderung des Nazifestes 2010, möchte das Aktionsbündnis auch dieses Jahr anknüpfen. Ein erster Erfolg ist bereits zu verbuchen, die Anmeldung für die Spielwiese zog die NPD kurzfristig zurück. In einer Pressemitteilung teilte das Aktionsbündnis mit, dass es eine Neuanmeldung des „Rock für Deutschland“ für den Parkplatz vor dem Hofwiesenpark zwischen Theater und Panndorfhalle gibt.
Weiterhin heißt es in der Pressemitteilung: „Wir sind flexibel und wir akzeptieren keine Naziveranstaltungen egal wo sie in Gera stattfinden“.

Am 05.08 wird es eine Vorabenddemo unter dem Motto „Diese Stadt hat Nazis satt!“ geben. Auftakt ist 16.00 Uhr am Hauptbahnhof Gera.

Für den 06.08. kann aktuell die Panndorfhalle als Anlaufpunkt sowie der Theatervorplatz als zentraler Anlaufpunkt genannt werden. Aufgrund der sich veränderten Anmeldesituation und aus taktischen Gründen werden weitere Kundgebungspunkte erst kurz vorher bekanntgegeben.

Aktuelle Informationen wird es auf der Homepage vom Aktionsbündnis Gera geben.

Konstantin Wecker sagte in einem Interview vor einem Konzert im Plauener Malzhaus am 09.07.11 zum „Rock für Deutschland“: „Es geht darum mit den besseren Argumenten zu überzeugen, mit Empathie auf etwas zu einzugehen was eigentlich nur Hass will. Dass, dazu aber auch eine gehörige Menge Widerstand gehört, radikaler aber auch friedlicher Widerstand, ist keine Frage“.