Gera: Was ist hier los

Seit 2003 führen Neonazis um den NPD Kader Gorden Richter hier jedes Jahr ihr „Rock für Deutschland“ durch. Auch dieses Jahr am 06.08. feierten etwa 500 Neonazis auf der „Spielwiese“. Erwartet wurden in Gera bis zu 2000 Neonazis und „Rechtsrockfans“. Wenige Tage vor Beginn der Neonaziveranstaltung meldete die NPD ihre Versammlung kurzfristig auf dem Parkplatz am Hofwiesenpark um. Anmelder von Gegenveranstaltungen wurden zu diesem Zeitpunkt von der zuständigen Ordnungsbehörde gedrängt, angemeldete Kundgebungspunkte an der „Spielwiese“ aufzugeben. Spielwiese – Hofwiesenparkplatz – Spielwiese, „Rock für Deutschland“ wurde auch zum Nervenkrieg.

Der Freitagabend – „Alerta, Alerta Antifascista; Diese Stadt hat Nazis satt“


Die Demo läuft los

Gut 200 Menschen versammelten sich am späten Nachmitttag des 05.08. vor dem Hauptbahnhof zu einer antifaschistischen Vorabenddemo. Dass eine Handvoll bekannter Thüringer Politiker als prominente Gäste an der Demo teilnahmen, zeigt die Ernsthaftigkeit der Situation vor Ort. Eröffnende Worte des Versammlungsleiters führten einem das Geraer Problem noch einmal ganz aktuell vor Augen, eigentlich vor Ohren. Erst kurz vor 16.00 Uhr erreichte den Versammlungsleiter der aktueller Auflagenbescheid der Versammlungsbehörde. Überraschungen enthielt er nicht. Bereits am Freitagmittag wurde klar, dass die Demo ihren Endpunkt auf der Spielwiese nicht erreichen wird. Die NPD klagte sich erfolgreich bereits ab Freitag 14.00 Uhr auf die Spielwiese ein. Dabei überging das Weimarer Oberverwaltungsgericht in letzter Instanz die Erstanmeldung auf der Spielwiese durch das Aktionsbündnis „Gera gegen Rechts“.

Es ist verwunderlich wie leer Geras Innenstadt am Freitagnachmittag ist. Vielleicht waren die Geraer lieber im Garten, Zuhause oder sind einfach in den Urlaub gefahren. Viele interessierte Zaungäste hatte die Demo nicht. Die meisten Autofahrer empfanden die entstandenen Verkehrsbehinderungen wohl eher als lästig, auf dem Weg in den Feierabend oder woanders hin.

Einige am Rande stehende Jugendliche fanden auf Nachfrage gut, dass es „Leute gibt die was gegen die Nazis tun“, in die Demo eingereiht haben sie sich nicht. Ein anderer Passant sagte „Lass mich in Ruhe mit eurem Scheiß“. Frustration in einer Stadt, die auch Freiräume zu bieten hat wie Beispiele belegen könnten.


Gera

Die Printausgabe der OTZ vom 06.08.11 berichtete auf Seite 1 von der Demo. Bunter hätte das Titelbild nicht sein können – vom grauen Alltag verkauft sich eine lokale Tageszeitung nicht. Wer würde schon lesen wollen wie die Menschen in seiner Stadt wirklich sind. Nazi will keiner sein, die Probleme summieren sich auf sozialer Ebene. Hier geht es um Arbeitsplätze und andere Alltäglichkeiten. Für politisches Feingefühl ist da kaum Platz.

Hitze, Polizei und Neonazis – Samstag in Gera

Eine von Geras Hauptverkehrsadern, die B92, war den gesamten Samstag über lahmgelegt. Bereits in den frühen Morgenstunden baute die Polizei auf der vierspurigen Straße sogenannte „Hamburger Gitter“ auf und teilte die Straße so in zwei Hälften. In eine für Nazis und in eine für ihre Gegner.

Am Vormittag verkündeten Twittermeldungen, dass mehrere hundert Menschen bereits Zufahrtswege der Neonazis zu ihrem Fest blockieren. Applaus auch auf der Heinrichsbrücke für den ersten Erfolg.


Blockade am Morgen in der H.-Heine-Straße

Rockmusik, Infostände verschiedener Parteien, ein erkämpfter Eiswagen gegen Rechts. Man gab sich, rund um die Spielewiese, alle Mühe um Menschen anzuziehen.

Die Polizei tat ihr Möglichstes um potenzielle Teilnehmer von der Kundgebung an der Heinrichsbrücke fernzuhalten. Der MDR berichtete von kleineren Auseinandersetzungen zwischen Linksautonomen und der Polizei in der Nähe der Brücke. Dass hier einige Engagierte versuchten Neonazis den Weg zur Spielwiese zu verwehren, wurde nicht erwähnt.
Die Polizei kontrollierte hartnäckig Menschen an den Zugängen zur genehmigten Kundgebung an der Heinrichsbrücke, die irgendwie links aussahen. Neonazis die sich hierher verirrten und bei der Polizei meldeten wurden durch die angemeldete antifaschistische Kundgebung zu ihrem Fest geführt. Viele Teilnehmer empfanden das Verhalten der Polizei als Provokation.

Leider fehlten ausreichend Menschen um auch hier effektiv zivilen Ungehorsam zu leisten. Bereits im Vorfeld war klar, dass den Geraern an diesem Tag eine besondere Rolle zustand, aber nicht mal die geliebte Roster lockte sie mehrheitlich zum Protest.


Brutal Attack als Headliner beworben, auf dem Weg zum Nazifest

Auf dem Weg zwischen den Kundgebungen, die für Nazigegner nur mit einigen Umwegen zu erreichen waren, sprach ich einen älteren Herren an und fragte ihn, was er von dem Aufsehen um die Neonaziveranstaltung halte. „Er sei erst vor kurzer Zeit vom Lande hergezogen, seine Tochter warnte ihn wegen der Naziveranstaltung, die hier jedes Jahr stattfände. Abgeschreckt habe ihn das alles nicht und die Gegendemonstranten seien gar nicht so schlimm wie ihm vorausgesagt. Auf die Frage warum er auf seinen Balkon sitzt und nicht mit in einer Blockade, antwortete er „Mit meinen 80 Jahren kann ich nicht mehr viel machen“. Aber von Nazis halte er nicht viel, so weiter im Gespräch.

Als Fazit dürfte wohl ein finanzieller Misserfolg für die NPD stehen bleiben. Erkauft mit den Möglichkeiten der Demokratie. Das Aktionsbündnis „Gera gegen Rechts“ konnte mit seiner Strategie des zivilen Ungehorsams einen Erfolg erzielen. Das Konzert wurde zwar nicht gänzlich verhindert, doch blieben den Geraer Neonazis die Gäste aus.

Die kraftvolle Abschlussdemonstration aller Blockierenden konnte nicht über tiefersitzende Differenzen hinwegtäuschen.


Gemeinsame Abschlussdemo

Der Sinn der symbolischen Blockade der gemeinsamen Abschlussdemonstration, durch einige wenige Teilnehmer der Antinaziaktionen, blieb sicherlich den meisten Augenzeugen verborgen – der Slogan der Antifaschistischen Aktion Gera (AAG) vom letzten Jahr „Es gilt mehr abzuschalten als nur Nazifeste“ bestätigt sich auch 2011.


Es gilt mehr als nur Nazifeste abzuschalten!