Archiv für Oktober 2011

Thüringen: Kurz notiert

Für kommenden Sonnabend (15.10.11) planen Weimarer Neonazis mal wieder eine Demonstration durch die Klassikerstadt. Laut Ordnungsbehörde wurden 200 Teilnehmer für den Aufmarsch angemeldet. Treff- und Startpunkt des Naziaufmarsches ist der Hauptbahnhof.
Wie die Autonome Antifagruppe Weimar (AAGW) und der Infoladen Sabotnik Erfurt übereinstimmend berichten, handelt es sich um denselben Anmelder wie Ende August 2011 als Neonazis schon einmal durch Weimar marschieren wollten. Die angemeldete Demo wurde kurzfristig von der Stadt Weimar verboten. Der Anmelder klagte nicht gegen die Verbotsverfügung.

Zu Aktionen gegen den Naziaufmarsch am Samstag ruft das Weimarer Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus (BGR) auf. Ab 11.00 Uhr gibt es auf dem Bahnhofsvorplatz eine angemeldete Kundgebung. Weitere Informationen zu Gegenaktionen finden sich bei BGR -Weimar und der AAGW.

Bereits für den 08.10.11 wurde ein sogenanntes „2. Nationales Fußballturnier“ in der Nähe von Erfurt im Internet beworben. Letztes Jahr fand ein ähnliches Fußballturnier bei Erfurt statt. Auch Neonazis aus Greiz stellten 2010 eine Fußballmannschaft. Inwieweit das Turnier dieses Jahr stattfand ist nicht bekannt. Nicht uninteressant ist in diesem Zusammenhang eine von MOBIT verifizierte spontane Kundgebung von Neonazis am selben Tag in Erfurt. Ein „Aktionsbericht“ vom Nazispuk lässt sich auf entsprechenden Internetseiten nachlesen.

Greiz – Eine Spurensuche

In der Nacht auf den 06.10.1991 überfielen Neonazis die Flüchtlingsunterkunft in Greiz/ Irchwitz. Heute 20 Jahre später erinnert sich kaum noch jemand an diese Oktobernacht, wenn er an die wilden Wendejahre denkt. Geblieben sind schwarz-weiß Bilder und verschwommene Erinnerungen.

Zwanzig Jahre später

Abgelegen von der Hauptstraße am Rande einer Wohnsiedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts für die Arbeiter der Greizer Papierfabrik angelegt wurden war, befand sich 1991 die Unterkunft für Asylsuchende im Ortsteil Irchwitz. Eine Holzbaracke die erst Lehrlingen der Papierfabrik, später mosambikanischen Gastarbeitern als Unterkunft diente, dann leer stand, wurde zur Unterkunft für Flüchtlinge aus Pakistan.
Außer eines eingezäunten, mit Bauschutt übersäten Areals erinnert heute nichts mehr an die Geschichte des Platzes. Viele derer die jetzt hier wohnen, sind erst nach 1991 hergezogen. Anwohner die wir trafen, können sich nicht erinnern – oft nur ein Schulterzucken auf unsere Fragen. Auch sonst scheinen sich nur wenige Bürger in Greiz an den Überfall erinnern zu können oder zu wollen. Nach dem Überfall bei dem die Baracke unbewohnbar wurde, entstand 1992 am selben Ort eine neue Unterkunft für Asylsuchende. Bis 2004 waren die Menschen hier in Wohncontainern untergebracht.


Blick auf das ehemalige Lagergelände.

Das werde ich nie vergessen – Erinnerungen eines Zeugen

Was sich genau in dieser Herbstnacht des Oktobers 1991 in der abgelegenen Arbeitersiedlung abgespielt hat, haben wir versucht zu recherchieren. Ein Zeuge der damals in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flüchtlingsheim gewohnt hat, erinnerte sich in einem Gespräch mit uns.

Nicht ungeplant sei der Überfall gewesen, bereits Tage zuvor war der Fernsehempfang gestört, die meisten nutzen damals noch Dachantennen, so der Zeuge. Die haben das Heim beobachtet und Funkgeräte benutzt um sich zu verständigen, vermutet er. Begonnen hat der Überfall am Abend des 05.10.91, laut seiner Aussage sind gegen 23.00 Uhr etwa 50 Jugendliche vor dem Heim aufgetaucht. Die Ostthüringer Zeitung (OTZ) schrieb von etwa 10 bis 20 vermutlich rechtsradikalen Randalierern. Ohne Vorwarnung stürmte ein Teil der Jugendlichen das Heim, der Rest habe zugeschaut. Die haben alles kurz und klein geschlagen, die Baracke völlig verwüstet, sogar Wasserleitungen wurden aus der Wand gerissen, so unser Zeuge in seinen Erinnerungen.
Aus der Zeitung erfuhr er später, dass zwei vorsorglich im Haus positionierte Polizisten mit einem Feuerlöscher außer Gefecht gesetzt wurden. Er glaubt, dass die Täter über eine Serpentinenstraße die zur Papierfabrik ins Tal führt entkamen. Heute ist diese Straße zugewuchert, für den Autoverkehr gesperrt.
Er ist noch immer schockiert wenn er über dieses Ereignis spricht, etwas unternommen hat er nicht gegen den Überfall rechter Jugendlicher – aus Angst. Auch 20 Jahre nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen am Mitschurinweg möchte der Zeuge anonym bleiben. Dass einige der Täter noch in Greiz wohnen ist nicht unwahrscheinlich.


Vermutlicher Fluchtweg der Nazis.

Eine Zeitungsmeldung, eine von vielen

In einem Artikel aus der OTZ vom 08.10.1991 wird der Überfall als „Brutale Gewalt – Made in Greiz“ bezeichnet. Berichtet wurde über die immensen Zerstörungen und darüber, dass Komplizen alle Zufahrten zum Mitschurinweg abgeriegelt hätten.

Bemerkenswert ist auch ein Artikel der Mittwochsausgabe der OTZ vom 09.10.91. Hierbei räumte die Polizei Fehler bei der zeitlichen Weitergabe von Informationen an die Presse ein.
Auf unserer Spurensuche sprachen wir auch mit Gerd Grüner, heute Bürgermeister der Stadt, 1991 Vertreter des Landrates. Der Artikel aus der OTZ vom 08.10.91 beruft sich auch auf Aussagen von ihm. So heißt es unteranderen im Text,

„Wie der 1. Kreisbeigeordnete Gerd Grüner (SPD) mitteilte, waren bereits in der Nacht zuvor Anzeichen eines bevorstehenden Überfalls erkennbar. Man traf daraufhin Absprachen mit der Polizeiinspektion, um das Heim durch Streifen und einen Polizeiposten zu sichern“.

Wir fragten ihn ob er sich noch an Einzelheiten erinnern könne. Seine Antwort war ein promptes “Nein“ – „Das ist zu lange her“, so Herr Grüner. Es sei eine Zeitungsmeldungen unter vielen anderen gewesen, sicherlich war das Medieninteresse anfänglich sehr hoch ebbte aber schnell ab. In dieser Zeit passierte ständig etwas, ob es die Greizer wirklich interessierte vermochte er nicht zu sagen. „Sie müssen wissen, dass die Menschen ganz andere Probleme hatten“.

Er habe es sich nie vorstellen können, dass ähnlich schlimme Dinge wie in Hoyerswerda und anderen Städten auch in Greiz passieren.

Ein Bild

Begonnen haben unsere Recherchen mit einem Bild aus der OTN* vom 19.05.1991. Es zeigt die Abschlussklasse einer Greizer Regelschule mit einer Reichskriegsflagge, einem gerne in dieser Zeit gezeigten Symbol für deutschen Nationalismus und Ausländerhass. Zwanzig Jahre später, fragten wir bei einem der 1991 zuständigen Redakteure nach. Er antwortete uns, dass man das Foto hätte niemals veröffentlichen dürfen, zumindest nicht aus heutiger Sicht. Damals ging es um Tabubrüche – dass man diejenigen bestärkte, die von einem Großdeutschland träumen, ahnte er nicht.

Kein Ende

In der Nacht auf den 30.01.2003 überfielen Neonazis erneut die Flüchtlingsunterkunft in Greiz/ Irchwitz. Das der Brandanschlag fehlschlug ist nur glücklichen Umständen zu verdanken.