Archiv für November 2011

„Euer Untergang – Unsere Verpflichtung“* – Die Wiking-Jugend** in Greiz-Obergrochlitz

Ein Gespräch mit einer Augenzeugin.

Was wissen sie noch über die Ereignisse vom Dezember 1992 in Obergrochlitz?

Um Weihnachten 1992 wurde das Kriegerdenkmal in Greiz Obergrochlitz gereinigt, wir wunderten uns, da es längere Zeit schon nicht mehr gepflegt wurde. Wir wussten das zu diesem Zeitpunkt Gäste in der Jugendherberge waren, teils mit ausländischen (Niederlande) Kfz-Kennzeichen. Es hieß, dass sie Silvester feiern wollen. Sie bewegten sich auch im Dorf. Wir wunderten uns über ihre eigenartige Kleidung und über die Frisuren. Die meisten Frauen und Mädchen hatten Zöpfe so wie es auch im Dritten Reich beim „Bund Deutscher Mädel“ üblich war.

Woher wussten Sie, dass es sich um Nazis handelt?

Das Gerücht machte die Runde, dass es Nazis aus dem Ausland wären und sie am Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges Kränze niederlegen wollen. Ein Bekannter aus dem Dorf stellte dann am Silvestertag seinen Bus quer auf den Dorfplatz, hinter diesem befindet sich das Kriegerdenkmal. Wir schenkten den Gerüchten aber keinen Glauben, da sich die Leute ja unauffällig verhielten.

Was passierte dann?

Am Neujahrstag, ich war gerade damit beschäftigt das Mittagessen vorzubereiten, hörte ich Trommelschläge. Da ich von unserem Küchenfenster in Richtung Dorfplatz schauen konnte beobachtete ich etwas für mich unvorstellbares.

Was sahen Sie?

Die Gäste aus der Jugendherberge. Sie marschierten in Formation und mit Uniformen bekleidet in Richtung Dorfplatz zum Kriegerdenkmal. Sie führten Hakenkreuzfahnen und Fahnen mit dem Wiking Jugend Symbol mit sich. Leider kann ich mich an das Symbol der Roten Fahnen mit weißem Kreis nicht mehr genau erinnern. Es könnte aber eine Rune gewesen sein. Hier hielten sie dann, vom abgestellten Bus ließen sie sich nicht stören, einen Fahnenapell ab und legten Kränze am Mahnmal nieder. Auf einem der Kränze stand die Losung: „Euer Untergang – Unsere Verpflichtung“.

Was dachten Sie als Sie die Kundgebung sahen?

Ich habe Angst bekommen und konnte nicht glauben was ich sah. Wie kann so etwas möglich sein.

Haben auch noch andere Menschen diesen Aufmarsch gesehen?

Auf jeden Fall, es standen auch Einwohner unseres Ortes auf der Straße und schauten dem Treiben zu. Reagiert hat keiner, ich glaube die meisten waren fassungslos. Eine Bekannte rief dann doch die Polizei, diese erschien jedoch noch nicht mal in Obergrochlitz.

Was passierte nach dem Aufmarsch?

Eigentlich nichts mehr. In Obergrochlitz waren sie nicht noch mal, obwohl sie noch einige Tage in der Jugendherberge gewesen sein müssen.

Danke für das Gespräch.

*Inschrift am Gebinde (Augenzeuge)

** Die Wiking Jugend wurde 1994 vom Bundesinnenminister verboten. Weitere Infos hier Wiking Jugend

Eine Bestätigung des Treffens der Wiking Jugend gibt es in der Antwort (Drucksache 2/1075) auf die Große Anfrage der PDS Fraktion Thüringens an dieLandesregierung im Januar 1996.

Naziaktionen zum Volkstrauertag

In vielen Städten der Bundesrepublik gab es gestern Kranzniederlegungen und Veranstaltungen zum Volkstrauertag. Diese Tradition stammt aus der Weimarer Republik, hierbei soll an die Toten der Kriege erinnert werden. Ursprünglich wurde der Gedenktag am 5. Sonntag vor Ostern begangen. Im Dritten Reich wurde der Gedenktag in Heldengedenktag umbenannt und zum staatlichen Feiertag erklärt. Nach Ende der Naziherrschaft entstand dann der heutige Volkstrauertag, der bewusst an das Ende des Jahres gelegt wurde um so eine deutliche Abgrenzung zum nationalsozialistischen Heldengedenktag zu schaffen.


„Heldengedenken“ in Friedrichroda 2009; Quelle: Infothek Dessau

Heute zelebrieren Neonazis den Volkstrauertag wieder als sogenanntes „Heldengedenken“ mit eindeutig positivem Bezug auf den Nationalsozialismus. Bereits kurz nach der deutschen Wiedervereinigung im November 1990 versammelten sich über 1000 Nazis aus Deutschland in Halbe um hier den Gefallenen von Wehrmacht und Waffen-SS zu huldigen. Dieses Schauspiel wiederholte sich 1991 noch einmal am Waldfriedhof in Halbe. In den Folgejahren wurde das „Heldengedenken“ in Halbe verboten. Zwar gab es nach dem Jahr 2000 immer wieder Versuche in Halbe ein „Heldengedenken“ zu installieren, letztendlich nur mit mäßigem Erfolg. Viel erfolgreicher gestalteten sich regional ausgerichtete Heldengedenkveranstaltungen in den verschiedenen Teilen Deutschlands.

Gera und Friedrichroda – „Heldengedenken“ in Thüringen

In beiden Thüringer Städten finden seit Jahren die größten neonazistischen Veranstaltungen im Bundesland am Volktrauertag statt. Am bekanntesten ist wohl der braune Fackelaufmarsch in Friedrichroda im Landkreis Gotha, der jedes Jahr von NPD und Freien Kräften beworben wird. Dieses Jahr nahmen auch wieder rund 130 Neonazis aus dem gesamten Freistaat teil. In Gera versammelten sich bereits am Nachmittag etwa 60 Neonazis. Im Gegensatz zur Veranstaltung in Friedrichroda wird die vom NPD Kreisverband Gera angemeldete Versammlung auf dem Ostfriedhof nicht öffentlich beworben.

Treffen der Generationen

Seit 2010 veranstalten Thüringer Neonazis das sogenannte „Treffen der Generationen“. 2010 gab es drei dieser Veranstaltungen. Im Mai 2011 dann ein weiteres Treffen, welches aber von der Polizei unterbrochen wurde da dem Referenten einem ehemaligen Mitglied der Waffen-SS Volksverhetzung vorgeworfen wurde. Alle Vier Veranstaltungen fanden in Kirchheim statt. Als Initiator gilt Patrick Weber (NPD) der nebenbei noch den „Germania Versand“ betreibt.


Naziaufmarsch Wunsiedel am 13.11.11; Quelle: a.i.d.a. Archiv München

Am 12.11.2011 fand nun das 5. „Treffen der Generationen“ statt. Als Referent war Reinhold Leidenfrost geladen. Leidenfrost gilt heute noch als überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus und fiel in der Vergangenheit auch durch deutlich antisemitische Äußerungen auf. Bereits 2008 referierte Leidenfrost im „Braunen Haus“ Jena. Den musikalischen Teil des Abends bestritt der aus Jena stammende und mittlerweile in Schweden lebende rechtsextreme Liedermacher „Barny“.

Blick nach Bayern

Wunsiedel kommt nicht zur Ruhe. Nach einem Naziaufmarsch Ende Juli 2011, einem angemeldeten und verbotenen Gedenkgottesdienst für Rudolf Heß im August, marschierten am Volkstrauertag wieder die Braunen durch Wundsiedel. Über 200 vorwiegend aus Bayern stammende Neonazis beteiligten sich an dem Aufzug unter dem Motto „Ein Volk ist nur soviel wert, wie es seine Toten ehrt!“. Angemeldet wurde der Marsch durch Wunsiedel vom Uwe Meenen (NPD). Zu den wenigen nicht aus Bayern stammenden Neonazis gehörten Mitglieder der rechtsextremen Kameradschaft RNJ aus dem Vogtland. Wie immer auf Demos, an denen sie teilnehmen, war die RNJ auch in Wunsiedel mit eigenem Transparent vertreten. Als Redner traten unteranderen Olaf Rose und Daniel Weigl auf. Rose arbeitet seit 2006 für die NPD-Landtagsfraktion in Sachsen und veröffentlichte den Propagandafilm „Geheimakte Heß“. 2009 war Rose zu einem Vortrag zum Thema Heß im Vogtland. Damals referierte er im „Drei Mädel Haus“ welches über Jahre von Neonazis als Veranstaltungsort genutzt wurde. Daniel Weigl ist NPD Bezirksvorsitzender in der Oberpfalz und Aktivist des „Freien Netz Süd“. Weiterhin betreibt er den Internetversandhandel „Final Resistance“.


Daniel Weigl beim „Rock für Deutschland“ 2011; Quelle: Medienkollektiv Vogtland

Ratschlag 2011

Wenn auch mit leichter Verspätung blicken wir auf den antirassistischen und antifaschistischen Ratschlag in Thüringen 2011 zurück. Mehr als 150 Menschen beteiligten sich am Samstag den 05.11.11 in Gera an unterschiedlichen Workshops und Veranstaltungen. Eingebunden in den Ratschlag waren ein Vortrag mit Filmvorführung bereits am Donnerstag und ein Mahngang am Freitag.

B.A.D. wie Bildungsreihe am Donnerstag.

Seit über einem Jahr organisiert das Team der Bildungsreihe regelmäßig öffentliche und kostenlose Veranstaltungen zu unterschiedlichsten Themen. Ziel ist es dabei einen offenen Raum zu schaffen der kulturell und politisch nicht einengt, von jungen Menschen ohne Zwang angenommen wird.

So gestaltete sich auch der Donnerstagabend in der Geraer Theaterfabrik, früher auch als Club der Jugend und Sportler bekannt, ohne Zwänge. Zwei Referenten der „Initiative Pogrom 91“, die sich mit den Vorgängen in Hoyerswerda zwischen 1991 und heute auseinandersetzt, berichteten von Selbsterlebten und den Recherchen der Gruppe. Mit reichlich Kopfschütteln quittierten die anwesenden Gäste die Ereignisse von damals und heute. Visuell untermauert wurden die geschilderten Erlebnisse von der Dokumentation „Das Hoyerswerda Syndrom“.

Erinnern und Mahnen

Knapp 100 Menschen versammelten sich am frühen Freitagabend vor dem Südbahnhof in Gera um gemeinsam daran zu erinnern, dass nicht alles gut ist in Deutschland und zu mahnen, dass die Schatten der Vergangenheit eben nicht nur Schatten sind. Knapp zwei Stunden dauerte der Mahngang, der zu verschiedenen Orten in Gera führte. In Redebeiträgen an den Stationen des Mahngangs wurden Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus und Sozialchauvinismus thematisiert.

Nicht nur positiv wurden die Mahngänger aufgenommen, eine junge Frau rief man solle lieber gegen die Linken demonstrieren. Der Inhaber eines Geschäftes war außer sich vor Wut, das „Pack“ vergraule ihm nur seine Kunden sagte er erregt. Ein Halt der Mahnenden befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, dass der hier ansässige Verein wegen seiner Arbeit regelmäßig zur Zielscheibe von Neonazis wird interessierte ihn nicht.
Beendet wurde der Mahngang auf der „Spielwiese“ dem Veranstaltungsort des „Rock für Deutschland“ Man kann sich an 364 Tagen im Jahr auf der „Spielwiese“ aufhalten nur einmal im Jahr nicht, dann zelebrieren Neonazis hier ganz öffentlich ihre menschenverachtende Ideologie.

„Wir haben genug – genug zu tun“ – Baustellen überall

Bereits im Eröffnungsplenum des diesjährigen Ratsschlags wurde klar, dass es nicht nur in Gera oder Ostthüringen Baustellen gibt, sondern auch in anderen Regionen des Freistaates und auch über die Landesgrenze hinaus. Aus rund einem Dutzend Workshops, Vorträgen und einem Zeitzeugengespräch setzte sich das Programm des Ratschlags zusammen. Mehr als 40 Ratschlagende nahmen am Zeitzeugengespräch mit Thomas Geve teil Im Jahr 1943 wurde er ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Er überlebte die Shoah und wohnt heute in Israel.

Ein deutliches Nein zum sogenannten Extremismusbegriff gab von vielen Teilnehmern des diesjährigen Ratschlags. Engagement gegen Neonazis darf nicht auf eine Stufe mit deren menschenverachtender Ideologie gestellt werden.