Interview zum Ratschlag

Vor wenigen Wochen wurde der “Thüringen Monitor vorgestellt“, eine jährliche Studie zum politischen Ist-Zustand im Bundesland Thüringen. Seit 11 Jahren versucht so die Landesregierung, fast seismografisch, die Stimmung in der Bevölkerung zu messen. Teilweise mit erschreckenden Ergebnissen in der Vergangenheit aber auch in diesem Jahr. Allgemein lässt sich sagen, dass Vertrauen in die Demokratie nimmt ab, Tendenzen nationalistischen und völkischen Denkens nehmen eher zu. Schlagworte in der Studie sind Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit und Rassismus. Nichts was man nicht ernst nehmen müsste. Eine große Thüringer Tageszeitung titelte Anfang Oktober „Ausländerfeindlichkeit auf dem Vormarsch“. Im Text nahm man Bezug auf den aktuellen Thüringen-Monitor.

Parallelen zu Aussagen im „Thüringen-Monitor“ lassen sich auch im Aufruf des diesjährigen antirassistischen und antifaschistischen Ratschlags erkennen, unteranderen heißt es hier:
„Einerseits werden Neonazis noch immer in weiten gesellschaftlichen Kreisen geächtet und zwar in Form eines kategorischen Tabus. Andererseits liegen Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Sozialchauvinismus neu verpackt mehr und mehr im Trend.“

Nicht ohne Grund findet der Ratschlag dieses Jahr in Gera statt, denn das gilt auch für Ostthüringen

Wir führten Ende letzter Woche ein Interview mit Mitarbeiter_innen der Mobilen Opferberatung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen (EZRA).

1. EZRA gehört neben anderen Organisationen zu den Unterstützern des diesjährigen Ratschlags in Gera. Wie wichtig finden Sie den Thüringer Ratschlag?

Wir finden den antifaschistischen und antirassistischen Ratschlag sehr wichtig und freuen uns, dass er dieses Jahr in Gera stattfindet.

Schon neunmal war Gera Ort für das Rechtsrockfestival „Rock für Deutschland“. Es gehört schon lange zu den festen Terminen auf der Liste der jährlichen Events der Neonazi – Szene. Am 17. Juni 2011 rief die NPD unter dem Slogan „Nie wieder Kommunismus – Freiheit für Deutschland“ zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz auf und versuchte sich als Partei darzustellen, die sich bürgerliche Freiheit auf ihre Fahnen schreibt. An beiden Stellen gelang es in diesem Jahr ein breites antifaschistisches Bündnis zu aktivieren. Das ist wichtig. Reaktionen auf neonazistische Aktivitäten sollten aber nicht die einzige Auseinandersetzungsebene sein und bleiben. Der Ratschlag bietet Zeit und Raum für Reflexion, für Analyse und Neubestimmung, auch für Diskussion und Streit.
Auf der Homepage des diesjährigen Ratschlags ist von den „Baustellen“ die Rede, derer es genügend gibt im Kampf gegen Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus und andere ideologische Ansätze, die Menschenverachtung in ihrem Programm haben.

2. Welche Bewegründe haben EZRA veranlasst den Ratschlag zu unterstützen?

Der Schwerpunkt unserer Arbeit besteht in der Beratung, Unterstützung und Begleitung von Betroffenen rechter, rassistischer, antisemitischer und anderer Formen von Gewalt, die aus Motiven gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit heraus begangen werden. Neben den direkt Betroffenen richtet sich unser Angebot auch an Zeug_innen und Freund_innen oder Angehörige von Betroffenen. In unserer Arbeit sind wir mit den extremen Auswirkungen menschenverachtender Ideologien konfrontiert.
Wir sehen uns als einen Teil des Bündnisses gegen Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, für ein friedliches Miteinander aller und für eine Gesellschaft, in der die Menschenrechte für alle Menschen gleichermaßen gelten. Wir wollen insbesondere die Perspektive der Betroffenen von rassistischer Diskriminierung und rechter Gewalt in die Auseinandersetzung einbringen.

3. Wie schätzen Sie die Situation in Ostthüringen hinsichtlich des Beratungsbedarfes von Opfern Rechter Gewalt ein?

In Ostthüringen haben wir zur Zeit viel zu tun. Der Beratungsbedarf ist hoch. Wir sind hier allerdings auch gut vernetzt mit Kooperationspartner_innen z.B. von AufAndHalt oder Privatpersonen aus der Region, die Ansprechpartner_innen für Betroffene sind und Kontakte in Gruppen von potentiell Betroffenen haben. Auch Mitarbeiter_innen von Behörden zählen zunehmend zu unseren Kooperationspartner_innen. Ich denke, in Ostthüringen ist das Dunkelfeld dadurch kleiner als in anderen Regionen Thüringens.

4. Glauben Sie, dass der Ratschlag eure Arbeit positiv beeinflussen wird?

Sicher können Kooperationen vertieft und neue angeschoben werden. Wichtig ist aber auch die gemeinsame Auseinandersetzung zu grundlegenden Themen.

Danke für das Gespräch.

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