Antifa

Greiz: Mahngang am 09.11.11

Wir unterstützen den Aufruf von AUFANDHALT, Netz von Betroffenen rassistischer Gewalt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die jüdische Bevölkerung in Deutschland Opfer der von den Nazis organisierten Pogrome. Auch hier in Greiz wurden Geschäfte jüdischer Mitbürger geplündert und zerstört, jüdische Mitmenschen, Frauen Männer und auch Kinder wurden gedemütigt, brutal misshandelt und ermordet. Wir werden am Mittwoch, den 9. Nov. ab 18.00 Uhr durch die Stadt gehen und an die Menschen erinnern, die dem Terror der Nazis und den Pogromen zum Opfer fielen. Gleichzeitig wollen wir ein Zeichen setzen gegen die aktuelle Bedrohung durch Neonazis in unserer Stadt.

Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger auf, am Mittwoch, den 9. November 2011 gemeinsam den Opfern der Naziherrschaft zu gedenken und entschlossen und couragiert den Rechtsextremisten von heute entgegen zu wirken. Treffpunkt ist um 18.00 das ehemalige Tietzkaufhaus am Puschkinplatz.

Hinweis:

Entsprechend § 6 Abs. 1 VersG sind Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, von der Versammlung ausgeschlossen.

Thüringen: Kurz notiert

Saalveranstaltung diesen Samstag in Kirchheim, ein Fackelmarsch anlässlich des sogenannten Volkstrauertags nächste Woche Sonntag in Friedrichroda. Der öffentliche Terminkalender für Thüringer Neonazis ist für die nächsten beiden Wochenenden gut gefüllt.

Erlebnisscheune Kirchheim – beliebter Veranstaltungsort für Neonazis

Bereits seit Mitte Oktober wirbt die Jugendorganisation der NPD, die JN, auf ihrer Homepage für eine Saalveranstaltung in Kirchheim. Unter dem Motto „Aufbruch in die Zukunft – Raus aus dem Euro“, sollen hier Holger Apfel und Scharfmacher Pastörs dem geneigten Publikum klarmachen wie das vonstatten gehen könnte. Nicht unwahrscheinlich ist, dass sich Holger Apfel hier gerne als Erneuerer der NPD präsentieren möchte um sich als kommender Parteivorsitzender der NPD zu empfehlen. Dass Apfel gerne Udo Voigt als NPD –Parteivorsitzenden beerben möchte ist ja hinlänglich bekannt.

Einen ausführlichen Artikel gibt es dazu bei Publikative.org


v.li.n.re. Kevin Schulhauser, Holger Apfel und Frank Schwerdt bei einer NPD Wahlkampfveranstaltung 2009 in Greiz.

Irgendwie skurril mutet an, dass die JN in Thüringen laut Verfassungsschutz nur 10 Mitglieder hat. Unbedeutend ist die Wahl des Veranstaltungsortes und der Redner auch nicht im Hinblick auf die im August angelaufene Mitgliederkampagne der Thüringer NPD. Bei den Landtagswahlen 2009 scheiterte die NPD nur knapp an der 5-Prozenthürde und verfehlte so den Einzug in den Thüringer Landtag. In etwa 3 Jahren wird der Thüringer Landtag neu gewählt und dann will die NPD einziehen.

In den letzten Jahren fanden im Hotel „Romantischer Fachwerkhof“ unzählige Neonaziveranstaltungen statt, zuletzt im Juni 2011 der Landesparteitag der NPD Thüringen. Heute berichtete der MDR darüber, dass auch das Bundeskriminalamt während des Papstbesuches in Thüringen Ende September 2011 das besagte Hotel als Unterkunft für Beamte nutzte.

Jeden weiteren Kommentar sparen wir uns dazu.

Neun Mal ein kalter Schauer – Friedrichroda

Dieses Jahr dient die Westthüringer Kleinstadt Friedrichroda bei Gotha Neonazis bereits zum neunten Mal als Aufmarschort am sogenannten Volkstrauertag. Zum martialischen Fackelmarsch rufen NPD und Freie Kräfte gemeinsam auf. Einen sehr interessanten Artikel zum im Nazigargon genannten „Heldengedenken“ findet sich bei der Infothek Dessau.

Zum thüringenweiten Termin konnte sich der Fackelumzug noch nicht etablieren. Denn auch in anderen Thüringer Städten nutzten Neonazis in der Vergangenheit den Volkstrauertag für ihre Hetze. Letztes Jahr nahm der Thüringer NPD Vorsitzende Frank Schwerdt lieber an einer Veranstaltung in Gera teil.

Die Gefahr, dass Friedrichroda zum thüringenweiten neonazistischen Wallfahrtsort wird, zumindest einmal im Jahr, besteht. In den letzten Jahren versammelten sich regelmäßig bis zu 150 Neonazis am Volkstrauertag. Ob andere Thüringer Neonazis ihre Veranstaltungen zugunsten Friedrichrodas absagen ist nicht sicher, perspektivisch aber sicherlich nicht unmöglich.

Interview zum Ratschlag

Vor wenigen Wochen wurde der “Thüringen Monitor vorgestellt“, eine jährliche Studie zum politischen Ist-Zustand im Bundesland Thüringen. Seit 11 Jahren versucht so die Landesregierung, fast seismografisch, die Stimmung in der Bevölkerung zu messen. Teilweise mit erschreckenden Ergebnissen in der Vergangenheit aber auch in diesem Jahr. Allgemein lässt sich sagen, dass Vertrauen in die Demokratie nimmt ab, Tendenzen nationalistischen und völkischen Denkens nehmen eher zu. Schlagworte in der Studie sind Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit und Rassismus. Nichts was man nicht ernst nehmen müsste. Eine große Thüringer Tageszeitung titelte Anfang Oktober „Ausländerfeindlichkeit auf dem Vormarsch“. Im Text nahm man Bezug auf den aktuellen Thüringen-Monitor.

Parallelen zu Aussagen im „Thüringen-Monitor“ lassen sich auch im Aufruf des diesjährigen antirassistischen und antifaschistischen Ratschlags erkennen, unteranderen heißt es hier:
„Einerseits werden Neonazis noch immer in weiten gesellschaftlichen Kreisen geächtet und zwar in Form eines kategorischen Tabus. Andererseits liegen Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Sozialchauvinismus neu verpackt mehr und mehr im Trend.“

Nicht ohne Grund findet der Ratschlag dieses Jahr in Gera statt, denn das gilt auch für Ostthüringen

Wir führten Ende letzter Woche ein Interview mit Mitarbeiter_innen der Mobilen Opferberatung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen (EZRA).

1. EZRA gehört neben anderen Organisationen zu den Unterstützern des diesjährigen Ratschlags in Gera. Wie wichtig finden Sie den Thüringer Ratschlag?

Wir finden den antifaschistischen und antirassistischen Ratschlag sehr wichtig und freuen uns, dass er dieses Jahr in Gera stattfindet.

Schon neunmal war Gera Ort für das Rechtsrockfestival „Rock für Deutschland“. Es gehört schon lange zu den festen Terminen auf der Liste der jährlichen Events der Neonazi – Szene. Am 17. Juni 2011 rief die NPD unter dem Slogan „Nie wieder Kommunismus – Freiheit für Deutschland“ zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz auf und versuchte sich als Partei darzustellen, die sich bürgerliche Freiheit auf ihre Fahnen schreibt. An beiden Stellen gelang es in diesem Jahr ein breites antifaschistisches Bündnis zu aktivieren. Das ist wichtig. Reaktionen auf neonazistische Aktivitäten sollten aber nicht die einzige Auseinandersetzungsebene sein und bleiben. Der Ratschlag bietet Zeit und Raum für Reflexion, für Analyse und Neubestimmung, auch für Diskussion und Streit.
Auf der Homepage des diesjährigen Ratschlags ist von den „Baustellen“ die Rede, derer es genügend gibt im Kampf gegen Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus und andere ideologische Ansätze, die Menschenverachtung in ihrem Programm haben.

2. Welche Bewegründe haben EZRA veranlasst den Ratschlag zu unterstützen?

Der Schwerpunkt unserer Arbeit besteht in der Beratung, Unterstützung und Begleitung von Betroffenen rechter, rassistischer, antisemitischer und anderer Formen von Gewalt, die aus Motiven gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit heraus begangen werden. Neben den direkt Betroffenen richtet sich unser Angebot auch an Zeug_innen und Freund_innen oder Angehörige von Betroffenen. In unserer Arbeit sind wir mit den extremen Auswirkungen menschenverachtender Ideologien konfrontiert.
Wir sehen uns als einen Teil des Bündnisses gegen Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, für ein friedliches Miteinander aller und für eine Gesellschaft, in der die Menschenrechte für alle Menschen gleichermaßen gelten. Wir wollen insbesondere die Perspektive der Betroffenen von rassistischer Diskriminierung und rechter Gewalt in die Auseinandersetzung einbringen.

3. Wie schätzen Sie die Situation in Ostthüringen hinsichtlich des Beratungsbedarfes von Opfern Rechter Gewalt ein?

In Ostthüringen haben wir zur Zeit viel zu tun. Der Beratungsbedarf ist hoch. Wir sind hier allerdings auch gut vernetzt mit Kooperationspartner_innen z.B. von AufAndHalt oder Privatpersonen aus der Region, die Ansprechpartner_innen für Betroffene sind und Kontakte in Gruppen von potentiell Betroffenen haben. Auch Mitarbeiter_innen von Behörden zählen zunehmend zu unseren Kooperationspartner_innen. Ich denke, in Ostthüringen ist das Dunkelfeld dadurch kleiner als in anderen Regionen Thüringens.

4. Glauben Sie, dass der Ratschlag eure Arbeit positiv beeinflussen wird?

Sicher können Kooperationen vertieft und neue angeschoben werden. Wichtig ist aber auch die gemeinsame Auseinandersetzung zu grundlegenden Themen.

Danke für das Gespräch.

.