Schublade

Ratschlag 2011

Wenn auch mit leichter Verspätung blicken wir auf den antirassistischen und antifaschistischen Ratschlag in Thüringen 2011 zurück. Mehr als 150 Menschen beteiligten sich am Samstag den 05.11.11 in Gera an unterschiedlichen Workshops und Veranstaltungen. Eingebunden in den Ratschlag waren ein Vortrag mit Filmvorführung bereits am Donnerstag und ein Mahngang am Freitag.

B.A.D. wie Bildungsreihe am Donnerstag.

Seit über einem Jahr organisiert das Team der Bildungsreihe regelmäßig öffentliche und kostenlose Veranstaltungen zu unterschiedlichsten Themen. Ziel ist es dabei einen offenen Raum zu schaffen der kulturell und politisch nicht einengt, von jungen Menschen ohne Zwang angenommen wird.

So gestaltete sich auch der Donnerstagabend in der Geraer Theaterfabrik, früher auch als Club der Jugend und Sportler bekannt, ohne Zwänge. Zwei Referenten der „Initiative Pogrom 91“, die sich mit den Vorgängen in Hoyerswerda zwischen 1991 und heute auseinandersetzt, berichteten von Selbsterlebten und den Recherchen der Gruppe. Mit reichlich Kopfschütteln quittierten die anwesenden Gäste die Ereignisse von damals und heute. Visuell untermauert wurden die geschilderten Erlebnisse von der Dokumentation „Das Hoyerswerda Syndrom“.

Erinnern und Mahnen

Knapp 100 Menschen versammelten sich am frühen Freitagabend vor dem Südbahnhof in Gera um gemeinsam daran zu erinnern, dass nicht alles gut ist in Deutschland und zu mahnen, dass die Schatten der Vergangenheit eben nicht nur Schatten sind. Knapp zwei Stunden dauerte der Mahngang, der zu verschiedenen Orten in Gera führte. In Redebeiträgen an den Stationen des Mahngangs wurden Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus und Sozialchauvinismus thematisiert.

Nicht nur positiv wurden die Mahngänger aufgenommen, eine junge Frau rief man solle lieber gegen die Linken demonstrieren. Der Inhaber eines Geschäftes war außer sich vor Wut, das „Pack“ vergraule ihm nur seine Kunden sagte er erregt. Ein Halt der Mahnenden befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, dass der hier ansässige Verein wegen seiner Arbeit regelmäßig zur Zielscheibe von Neonazis wird interessierte ihn nicht.
Beendet wurde der Mahngang auf der „Spielwiese“ dem Veranstaltungsort des „Rock für Deutschland“ Man kann sich an 364 Tagen im Jahr auf der „Spielwiese“ aufhalten nur einmal im Jahr nicht, dann zelebrieren Neonazis hier ganz öffentlich ihre menschenverachtende Ideologie.

„Wir haben genug – genug zu tun“ – Baustellen überall

Bereits im Eröffnungsplenum des diesjährigen Ratsschlags wurde klar, dass es nicht nur in Gera oder Ostthüringen Baustellen gibt, sondern auch in anderen Regionen des Freistaates und auch über die Landesgrenze hinaus. Aus rund einem Dutzend Workshops, Vorträgen und einem Zeitzeugengespräch setzte sich das Programm des Ratschlags zusammen. Mehr als 40 Ratschlagende nahmen am Zeitzeugengespräch mit Thomas Geve teil Im Jahr 1943 wurde er ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Er überlebte die Shoah und wohnt heute in Israel.

Ein deutliches Nein zum sogenannten Extremismusbegriff gab von vielen Teilnehmern des diesjährigen Ratschlags. Engagement gegen Neonazis darf nicht auf eine Stufe mit deren menschenverachtender Ideologie gestellt werden.

Hinterland: Punk meets politics

„Mindestens in 1000 Jahren“, mit der Coverversion von Frittenbude begannen Karl-Heinz Feuermelder und die durchgeknallten Brandstifter ihren Auftritt letzten Freitag in der ostthüringer Provinz
„Ein grauer Tag, ein graues Land, der Dorfplatz leer gefegt, viele mit dem Rücken an der Wand auf Augenhöhe mit der Realität…“ eine Zeile aus einem Song, der ursprünglich aus Solidarität mit der Liebig 14 geschrieben wurde. Dass der Song nicht an Aktualität verloren hat, beweist die Räumung des linken Stadtteilzentrums im spanischen Bilbo vor wenigen Tagen.

„Ich mochte die Art der Musik noch nie, die Inhalte deiner Lieder aber umso mehr“ meinte ein Gast zum Berliner Liedermacher Yok, der letzten Freitag im Anschluss an Karl Heinz Feuermelder auftrat. Besonders leicht hatte er es nicht, ungewöhnlich laut war es zu Beginn seines Gigs. – „Hört mal lieber zu“. – Mehr als 20 Jahre geballte Erfahrung in diversen politischen und musikalischen Projekten knallte unverblümt auf das Publikum. Egal ob als Yok, Qeutschenpaua oder Mitglied der Politpunkband Tod und Mordschlag, die meisten Gäste hatten noch nie die Chance ihn live zusehen. Seine neueren aber auch die älteren Songs haben nichts an Aktualität verloren.

Ein Abend der laut begann endete für einige Gäste nachdenklich.

Hannie Schaft – eine Antifaschistin unter Antifaschisten

Geboren wurde sie am 16. September 1920 in Haarlem, Niederlande und ermordet am 17. April 1945 in Bloemendaal, Niederlande. Mit bürgerlichen Namen hieß sie Jannetje Johanna Schaft. Der Name Hannie war ihr Deckname in der holländischen Widerstandsbewegung.

Nach der Annexion der Niederlande durch Nazideutschland 1940, bildete sich nur langsam Widerstand gegen die deutschen Besatzer heraus.

Die Situation in den Niederlanden während der deutschen Besatzung schildert Dr. H. Fühner im Jahr 2007 so:

„Denn auf der einen Seite blieb die niederländische Bevölkerung für die Ideologie des Nationalsozialismus insgesamt unempfänglich. Deutsche Lageberichte aus der gesamten Kriegszeit weisen dies überdeutlich aus. Auf der anderen Seite reichte die Haltung der Mehrheit nicht über Resistenz hinaus. Den meisten ging es darum, die Besatzungszeit unbeschadet zu überstehen und soweit möglich einen halbwegs normalen Alltag aufrecht zu erhalten. Der Widerstand fand erst mehr Anhang, als die Kriegslage sich gegen die Deutschen wendete und die Gefahr in Form des Arbeitseinsatzes auch für die Normalbevölkerung real wurde. Ein Großteil der Juden war zu diesem Zeitpunkt bereits deportiert worden. So müssen für ein Bild der Besatzungszeit zwar durchaus auch Schwarz und Weiß Verwendung finden. Aber dominierend muss, wie von Chris van der Heijden zurecht konstatiert hat, doch Grau sein.“

Hannie Schaft, die zur Zeit des Überfalls auf die Niederlande in Amsterdam Jura studierte, wendete sich von Anfang an gegen den Nationalsozialismus. Ihre Geisteshaltung lässt sich mit der Erziehung im Elternhaus, hier wurde über die Situation in Deutschland aber auch über das erstarken der Nationalsozialisten in der Heimat gesprochen und in ihrer Freundschaft zu niederländischen Juden begründen.

Nach der Besetzung der Niederlande, begannen die Deutschen zügig ihre nationalsozialistische Rassenideologie umzusetzen. Vereinzelter Widerstand, wie der Februarstreik von 1941 in Nordholland, der nach einer der ersten großen Verschleppungsaktionen von Juden in deutsche Konzentrationslager begann, wurde von den Nazis erbarmungslos niedergeschlagen.

Der bewusste Weg in den offenen Widerstand gegen die Besatzer und ihre niederländischen Helfer begann für sie spätestens nachdem sie aufgefordert wurde eine Loyalitätserklärung für die Nationalsozialisten zu unterschreiben.

„Wenn es sein muss mit Waffen und Gewalt “, Hannie Schaft reichte es nicht Juden und andere Verfolgte mit falschen Papieren, Geld, Lebensmittelkarten und halbwegs sicheren Quartieren zu versorgen.

Sie beteiligte sich an verschiedenen Sabotageaktionen. So auch an einer versuchten Sprengung des Elektrizitätswerkes in Velsen, nahe der von der deutschen Wehrmacht zur Festung ausgebauten Einfahrt zum Nordseekanal, der Amsterdam mit dem offenen Meer verbindet. Ihre Widerstandsgruppe liquidierte auch Kollaborateure. „Wir hatten keine Gefängnisse, es gab daher keine andere Lösung.“ berichtete Truus Oversteegen eine Kampfgefährtin.

Jannetje Johanna „Hannie“ Schaft, auch bekannt als das „Mädchen mit den roten Haaren“ wurde kurz vor Kriegsende eher zufällig am 21.03.1945 während einer Routinekontrolle verhaftet – Ihre, zur Tarnung schwarz gefärbten Haare nützen nichts.

Beerdigt wurde sie zusammen mit 372 männlichen Widerstandskämpfern in den Dünen bei Bloemendaal. Insgesamt wurden in den Dünen die Leichname von 422 Widerstandskämpfern gefunden.

Bild 1 und 2: Verzetsmuseum Amsterdam
Bild 3: Eerebegraafplaats Bloemendaal